33. Jahrdrung 2512

Heute sollten wir, wenn es der Wind gut mit uns meint, endlich in Bögenhafen ankommen! Man merkte uns die Spannung schon beim Frühstück an. Nicht das Gildas Essen schlecht wäre, aber wir wollten einfach mal wieder in einer rustikalen Kneipe deftig essen und trinken.

Nach dem Frühstück wurden Tyr und Sora für ihre Dienste ausbezahlt und gingen danach wieder an ihre Arbeit.
Ich ging noch einmal in Gedanken unseren Aufenthalt in Bögenhafen durch. Dabei fiel mir auf, daß ich zum ersten Male außerhalb von Dr. Sulimann praktizieren werde! Nicht daß ich schon oft Menschen geheilt habe, aber es war doch immer mein Meister dabei, der mir in schwierigen Situationen zur Hand gegangen war.
Selbst die Heilungen meiner neuen Freunde waren für mich etwas anderes; es waren schließlich keine Kunden.
Ich war auf jeden Fall ziemlich aufgeregt!

So verging der Tag - vereinzelt begegneten wir noch ein paar Fischerbooten - ansonsten passierte nichts weiter.

Am Abend schließlich war es soweit: Bögenhafen kam in Sicht!
Es dauerte nicht mehr lange, dann erreichten wir den Hafen. Josef machte am Kai fest und wir gingen am Land.
Es war schön, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren!

Wir ließen unsere Rucksäcke an Bord und gingen los. Es war viel los in der Stadt - Menschen liefen umher, man spürte deutlich, daß am morgigen Tage das große Fest beginnen würde.
Als erstes wollten wir in eine Kneipe und uns etwas stärken.
Wir hatten gerade eine ausgewählt, als plötzlich ein heruntergekommener Mann, begleitet von zwei ähnlich gekleideten Männer auf Tyr zulief und ihn ansprach.
"Aber das gibt es doch nicht! Ihr seid doch ...". Tyr unterbrach ihn: "Wer seid ihr? Was wollt ihr? Ich kenne euch nicht!".
Bei näherem Hinsehen zeigte sich, daß die Kleidung des Mannes zwar schon zerrissen und oft geflickt war, er selbst aber sauber war. Es war sicher eine ungewöhnliche Person.
Dann fuhr er fort: "Aber Herr, erkennt ihr mich nicht? Ich bin Tomasch, der alte Tomasch. Und ihr seid doch der Sohn des Meisters der ...". In dem Moment sank er zusammen und etwas weißer Schaum kam aus seinem Mund.

Eins war mir sofort klar: Er ist sicherlich nicht eines natürlichen Todes gestorben. Hier wollte jemand nicht, daß dieser Tomasch ein Geheimnis preisgab!
Ich rief den umstehenden zu, daß ich Arzt sei und den Mann untersuchen müsse. Ich wußte, daß mir nur wenig Zeit blieb. So suchten Ineluki und ich schnell nach Absonderlichkeiten und tatsächlich, Ineluki fand im Nacken einen Dorn, den ich sofort an mich nahm.
Ich würde ihn zu gegebener Zeit untersuchen.

Dann kamen auch schon zwei Stadtwachen, die fragten, was geschehen sei. Ich erklärte kurz die Situation - natürlich ohne genauer auf die Details des Zusammentreffens einzugehen - und dann nahm sich die Stadtwache der Person an.
Die Wache kannte den Mann. Er wurde der "verrückte Tomasch" genannt, da er zwar im Armenviertel lebte, aber sich trotzdem jeden Tag am Fluß wusch. Das war schon ziemlich ungewöhnlich.

Da wir nun nichts mehr für Tomasch tun konnten, gingen auch wir von dannen. Es stand immerhin noch ein Besuch der hiesigen Lokalitäten aus.
Gesagt, getan. Das gewählte Lokal war einfach aber gut. Das Essen war deftig und Bier floß in Strömen. Wir ließen es uns schmecken.
Beim Essen diskutierten wir noch über das merkwürdige Zusammentreffen, wobei Tyr immer abwiegelte, er habe diesen Mann noch nie gesehen. Er müsse wirklich verrückt sein.
Wir ließen es zunächst dabei bewenden.

Nach dem Essen - und einigen Getränken - wollten wir uns noch ein wenig die Stadt ansehen. Dabei fiel mir ein, daß die Stadtwache sich doch eigentlich hier auskennen müßte.
So ging ich also zum nächsten Wachmann und fragte ihn nach dem Gartenweg. Doch diesen Weg gab es scheinbar überhaupt nicht!
Das kam mir nun schon seltsam vor und so wollte ich gerade noch einen Wachmann fragen, als mich ein gut gekleideter Mann ansprach. Er wollte wissen, ob ich Arzt sei.
Ich bejahte. Daraufhin erinnerte er mich daran, am nächsten Morgen der Gilde einen Besuch abzustatten.

Natürlich! Man mußte sich ja auch dann anmelden, wenn man nur kurz in der Stadt bleibt und keine Praxis eröffnen will.
Scheinbar gab es hier einige Pfründe zu verteidigen, denn mit einem etwas abweisenden Ton wollte er auch von mir wissen, ob ich vorhätte eine Praxis aufzumachen. Die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als ich verneinte.
Da er mir nun schon etwas wohlgewogener war, wollte ich die Gelegenheit nutzen und ihn gleich nach dem Gartenweg befragen. Aber auch er kannte diesen Weg nicht und er hat wohl schon in jeder Straße einen Patienten gehabt (so sagte er zumindest).
Aber ich wollte ihm gerne glauben - niedergelassene Ärzte kennen sich meist recht gut in der Stadt aus.

Dann kam uns noch eine Idee. Wir könnten ja auch in der Druckerei nachfragen.
Diese Adresse konnte uns der Mann sofort sagen und so gingen wir zur Druckerei "Schultz und Friedmann".

Dort angekommen, bemerkten wir noch ein Licht im oberen Fenster. Es war also noch jemand da!
Auf unser Klopfen hin kam auch nach einiger Zeit ein älterer Mann, öffnete die Tür und fragte, was wir wollten.
Ich befragte ihn zunächst nach dem Weg. Aber erneut erhielt ich die selbe Antwort, diesen Weg gäbe es nicht. Dann zeigte ich ihn das Dokument und wollte wissen, wer dieses bei ihm hat drucken lassen.
Er überlegte nur kurz, dann erinnerte er sich. Es war noch gar nicht so lange her. Ein Herr Kuftsos hätte dieses Schreiben anfertigen lassen.

Langsam wurde mir alles klar! Das Dokument war eine Fälschung! Es gab keine Erbschaft, kein Geld und keinen Wein! Dieser Kopfgeldjäger wollte Kastor Aloysius Lieberung nach Bögenhafen locken.
Hier ist er aber nie angekommen, da er zuvor leider von einigen Chaos-Kreaturen niedergestreckt wurde! Aber warum? Warum mußte dieser Herr Lieberung nach Bögenhafen kommen? Dieser Kuftsos wollte ihn doch ohnehin töten und das hätte er doch an jedem Ort der Welt machen können.
Schließlich hatte er es ja bei mir auch in Weissbruck versucht (zum Glück mit wenig Erfolg!) und nicht bis Bögenhafen gewartet.
Er konnte kaum gewußt haben, daß ich nicht Kastor Aloysius Lieberung war. Andererseits, hätte er es gewußt, müßte er mich nicht versuchen umzubringen.

So viele Fragen, so viele Unklarheiten und keine Antwort weit und breit.
Ich glaube, ich war etwas voreilig zu behaupten, nun wäre einiges klarer. Ganz im Gegenteil! Inzwischen ist mir eigentlich gar nichts mehr klar!

Wir verabschiedeten uns von dem Druckermeister und gingen zurück zur Berebelli. Unterwegs diskutierten wir noch verschiedene Möglichkeiten - aber jede Antwort warf gleich zwei neue Fragen auf.
Am Schluß gaben wir es auf - wir fanden einfach keine Lösung.
Auf der Berebelli angekommen, legten wir uns dann auch gleich in unsere Kojen und schliefen schnell ein.