31. Jahrdrung 2512

Der Tag begann wie jeder Tag auf dem Fluß mit einem gut gewürzten Frühstück von Gilda.
Danach ging jeder seiner Beschäftigung nach: Tyr schrubbte Deck, Sora flickte Segel, Ineluki und ich hingen unseren Gedanken nach.
Die Wolken hingen sehr tief und es sah nach Regen aus. Möglicherweise drückte das auf unsere Stimmung - vielleicht waren wir aber auch einfach nicht das Leben auf dem Fluß gewohnt und sehnten uns nach dem bunten Treiben der Stadt (Tyr und ich), bzw. dem Abwechslungreichtum der Wälder (Ineluki und Sora).

Am Vormittage begegneten wir einem voll beladenen Handelsschiff, daß wohl Ware in Bögenhafen aufgenommen und diese nun nach Altdorf transportieren würde.
Es hatte wie alle größeren Flußschiffe ein paar Soldaten zur Bewachung dabei, behelligte uns aber nicht weiter.
Ich glaube die Handelsschiffe sind froh, wenn sie selbst in Ruhe gelassen werden und ihre Ware ohne größere Zwischenfälle am Zielort anbringen.

Später, am Nachmittage begegnete uns noch ein buntes Zigeunerschiff mit allerlei fahrendem Volk an Bord.
Das war schon ein kurioses Völkchen! Alle riefen sie durcheinander, jeder wollte etwas verkaufen, ein Kunststück zeigen (natürlich einmalig in der ganzen Welt!) oder sich sonst irgendwie darbieten.
Eine alte Frau rief uns ständig zu, daß sie aus der Hans zu lesen vermöge. Schließlich ließ sich Tyr darauf ein, zahlte seinen Obolus und ließ sich weissagen.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, was sie ihm damals erzählte, aber ich glaube das weiß selbst Tyr heute nicht mehr!

Beim Abendessen kam immer öfter die Frage auf, wie lange wir denn noch bis Bögenhafen bräuchten. Schließlich würde in drei Tagen das Schafsfest beginnen und da wollten wir doch rechtzeitig in Bögenhafen eintreffen.
Doch Josef beruhigte uns, daß wir bei dem Wind den wir derzeit haben bestimmt noch am ersten Pflugzeit in Bögenhafen ankommen würden.
Danach teilten wir wieder wie am Tag zuvor die Wache ein.

Tyr und ich übernahmen die erste Wache. Nachdem sich alle hingelegt hatten, teilten wir uns das Schiff wie am Vortag auf: Tyr behielt den Bug im Auge, ich das Heck.
Die Nacht war ruhig und ich freute mich schon auf meine Koje in wenigen Stunden, als mich plötzlich Tyr zu sich nach vorne rief. Ein merkwürdiges Geräusch habe er gehört, sagte er zu mir.
Ich lauschte angestrengt und - tatsächlich, da war es wieder! Ein seltsam schabendes, kratzendes, beinahe unheimliches Geräusch.

Wir beratschlagten uns kurz, dann ging ich unter Deck und weckte alle.
Als Josef nach oben kam bemerkte er sofort, daß das Schiff nicht mehr in der richtigen Position lag. Dann erzählten wir ihm von dem Geräusch.
Alle horchten aufmerksam in die Nacht - und wieder kam dieses Geräusch.

Sofort war Josef hellwach! "Ein Sumpf-Oktopus!" warnte er uns. Er ging ans Ruder und versuchte das Schiff wieder in die richtige Lage zu bringen.
Das Schaben wurde stärker. Wir sollen bloß von der Reling wegbleiben, rief er uns zu, und auch nicht angreifen. Denn das hat schon so manchem wackerem Seemann das Leben gekostet.

Auf einmal kam eine große Tentakel über die Bordwand und tastete die Planken ab. Leise und vorsichtig gingen wir dem Saugarm so weit wie möglich aus dem Weg.
Bald schien dieses Ungeheuer die Lust zu verlieren, denn nach einiger Zeit hörte das kratzende Geräusch auf und die Berebelli legte sich wieder in stromaufwärtige Position.

Josef atmete hörbar ein. Zum Glück war die Berebelli zu groß und schwer, als daß der Oktopuss sie hätte umwerfen können. Aber bei kleineren und leichteren Schiffen sei das durchaus schon vorgekommen.
Josef zeigte sich allerdings sehr verwundert darüber, ein solches Wesen so weit vom Meer entfernt anzutreffen. Das sei schon sehr eigenartig, meinte er.

In den verbleibenden zwei Stunden unserer Wache passierte nun nichts mehr und dann legten auch wir uns schlafen.
Ineluki und Sora widerfuhr in dieser Nacht nichts mehr.