29. Jahrdrung 2512

Der nächste Morgen begrüßte uns mit tief hängenden Wolken. Gilda bereitete wieder ein Frühstück, aber es wurde kaum ein Wort gesprochen. Das Wetter schlug auch auf unser Gemüt.
Nach dem Essen gingen Tyr und Sora an die Arbeit. Tyr schrubbte wieder das Deck während Sora anfing, die Segel zu flicken.

Ich fand es langsam an der Zeit, die anderen über meinen Fund bei dem Doppelgänger einzuweihen. Dennoch fiel es mir nicht leicht, kannte ich doch die Abneigung Tyrs gegen alle Adeligen. Sollte aber das Schreiben wahr sein, wäre ich bald selbst ein Adeliger!
So beschloß ich, zunächst Ineluki zu informieren.
Ich traf sie an der Reling und erzählte ihr alles. Wir diskutierten kurz den Inhalt der Schreiben und beschlossen, am Abend diesen den anderen beiden bekannt zu machen.

Auf einmal kam uns ein Schiff entgegen und unterbrach unsere Unterhaltung. Es war geschmückt mit bunten Wimpeln und allerlei Tand.
Beim Näherkommen bemerkten wir ein buntes Treiben und eine starke Bewaffnung. Immerhin liefen nicht weniger als fünf Pistolenschützen an Deck umher (falls ich mich verzählt habe) und einige Männer waren mit Degen bewaffnet.
An Deck sahen wir einige sehr leicht bekleidete Damen und am Bug stand ein Mann dicht hinter einer ebenso kaum bekleideten Frau.
Ich traute meinen Augen kaum: Er besorgte es ihr von hinten - in aller Öffentlichkeit!

Wir waren nur noch wenige Schritt entfernt, als wir einen weiteren Pistolenschützen sahen, der die ganze Zeit auf den Bauern zielte, der das Schiff mit seinen Pferden zog und dabei sage: "Nur nicht umdrehen, nur nicht umdrehen". Es war ein grausames Schauspiel!
Inzwischen bemerkten wir auch, daß es noch mehrere Paare auf Deck miteinander trieben. Die Männer waren alle geckenhaft gekleidet (wenn überhaupt) und wirkten angetrunken. Die Frauen sahen aber ausnahmslos gut aus.
Wir vernahmen auch eine wunderschön klingende Stimme, die ein melancholisches Lied sang.
Bald erkannten wir, woher die Stimme kam. Ein graziles, schlankes Wesen mit den selben Ohren wie Ineluki saß in einem Raum und sang. Um seinen Hals war ein Band welches wiederum an einem Pflock im Raume befestigt war. Die Tür war offen.
Im Raum stand neben diesem Wesen ein etwas grobschlächtiger Mann mit einer Peitsche.

Es war ganz gewiß ein Elf, denn Ineluki wurde plötzlich sehr wütend.
Dies hatten wohl auch die Wachen auf dem anderen Schiff bemerkt, denn plötzlich fingen sie an Musketen am Schiff zu befestigen.

Musketen! Da hatten wir niemals eine Chance! Die würden uns abknallen, bevor wir überhaupt in ihre Nähe kommen.
Wir redeten auf Ineluki ein, daß sie Ruhe bewahren solle und daß ein Angriff einfach keinen Sinn macht.

Plötzlich sang sie etwas in einer fremdartigen, aber sehr melodischen Sprache.
Kaum merklich änderte sich der Klang des festgebundenen Elfen und er sang nun auch in dieser Sprache. Doch dann holte der Mann, der neben dem Elfen stand, mit seiner Peitsche aus und schlug den Elfen mitten ins Gesicht.
Er solle nie wieder in dieser Sprache singe, fuhr er ihn an. Und jetzt soll er sein Lied fortfahren, sonst gäbe es noch mehr Ärger.

Als Ineluki das sah, war sie kaum zu halten. Nur mit Mühe konnten wir sie davon abbringen, das Schiff zu attackieren. Doch bald sah sie ein, daß ein Angriff sinnlos gewesen wäre und wir fuhren vorbei.
Ich war schweißnass! Das war verdammt knapp!
Mit zitternden Knien stand ich an der Reling. Der Anblick der Musketen steckte mir immer noch in den Knochen.

Am Nachmittag zogen sich die Wolken noch weiter zu. Wir passierten die nächste Schleuse und Josef eröffnete uns, daß wir noch eine Schleuse vor uns hätten, dann käme Weissbruck und damit der Fluß.
Wir diskutierten nochmals die Situation. Ineluki hätte nach wie vor lieber angegriffen, aber ich glaube am Ende hat sie zumindest akzeptiert, daß wir mit unserem sicheren Tod ihm auch nicht geholfen hätten.

Am frühen Abend fuhren wir durch die letzte Schleuse. Damit verließen uns auch die Zugpferde und wir segelten nun mit dem Wind flußaufwärts.
Schon bald erreichten wir Weissbruck, wo Josef anlegte.

Wir gingen von Bord und kehrten in der Kneipe "Schwarzes Gold" ein.
Essen und Trinken war ausreichend und gut und wir ließen es uns schmecken.
Tyr war sehr ausgelassen und trank reichlich über den Durst. Die Luft war zum Schneiden dick und ich hatte eigentlich heute abend keine rechte Lust auf ein großes Besäufnis.
So schlug ich Ineluki vor, noch etwas durch den Ort zu bummeln und frische Luft zu schnappen. Wir könnten Sora und Tyr ja danach wieder einsammeln und aufs Schiff bringen.

Ineluki war einverstanden und so gingen wir los.
Die Luft war klar und kühl. Ich fühlte mich gleich viel besser.
Ziellos gingen wir umher, überquerten den Marktplatz - er natürlich wie ausgestorben - schlenderten weiter, vorbei an Häusern, Kneipen aus denen laute Stimmen drangen und verschlossenen Geschäften.

Wir wollten uns gerade auf den Rückweg machen, als wir hinter uns Schritte hören, die sich rasch näherten. Wir beschleunigten auch unsere Schritte und liefen in Richtung Hafen.
Plötzlich tauchten zwei Männer aus einer Seitengasse auf und versperrten uns den Weg. Die Schritte hinter und kamen immer noch näher, aber sie wurden langsamer.

Wir hatten keine Wahl. Rasch zogen wir die Schwerter und griffen die Männer vor uns an.
Wäre Ineluki nicht gewesen, ich glaube, ich hätte mein junges Leben bereits ausgehaucht. Ich konnte mich zwar meinem Gegner zu Wehr setzen, versetzte ihm aber nie einen ernsthaften Schlag.
Ganz anders Ineluki. Einen Hieb mußte sie einstecken, als sie eine Finte versuchte, doch dem anschließenden, mächtigen Schlag konnte der Mann nichts mehr entgegensetzen.
Die Wucht war so groß, daß er in der Mitte zerteilt wurde. Schreckensbleich ließ mein Gegner den Knüppel fallen und rannte davon. Das gleiche taten die Männer, die uns bis hierher gefolgt waren und wohl jeden Moment angegriffen hätten.

Wir nahmen die Verfolgung auf.
Es war kein großes Problem ihm zu folgen. Ineluki rief mir noch zu, sie wolle ihn nur berühren, ich sollte ihm nicht antun.
Dann erreichte sie ihn, berührte ihn kurz mit der Hand und er fiel um und schlief. Erstaunt schaute ich sie an. Sie war der Magie mächtig!
Ich fesselte ihn fachmännisch und nahmen ihn mit.

Wir waren kaum 50 Schritte gegangen, da traf mich von hinten ein harter Schlag an der Schulter und warf mich einige Schritte nach vorne. Ein brennender Schmerz durchzuckte mich! Ich kannte das Gefühl: Es war schon wieder ein Armbrustbolzen!
Wir drehten uns um und sahen einen Mann, der seine Armbrust fallen ließ und mit erhobenem Schwert auf mich zurannte.

Ineluki stellte sich ihm in den Weg und griff ihn an.
Erst jetzt schien er sie überhaupt wahrgenommen zu haben, denn dem ersten Schlag wich er kaum aus. Er wollte immer noch vorbei zu mir, doch die heftigen Angriffe von Ineluki ließen ihm keine Wahl: er mußte sich zuerst mit ihr befassen.
Während Ineluki wie entfesselt kämpfte, warf ich meine Messer auf ihn. Eines verfehlte, doch das zweite hinterließ eine tiefe Scharte am Kopf. Dadurch abgelenkt konnte Ineluki ihm schließlich den entscheidenden Schlag versetzen. Getroffen sank er, seinen wütenden Blick auf mich gerichtet zusammen.
Kuftsos

 


Wir untersuchten kurz die Leiche und Ineluki fand ein Schreiben. Dann nahmen wir den schlafenden wieder auf und gingen zum Schiff. Josef empfing uns mit einem Kopfschütteln, doch nachdem wir kurz die Situation geschildert hatten, half er uns die Leiche in den Fluß zu werfen.
Dann holte er Sora und Tyr aus der Kneipe, während Gilda schnell das Blut von der Straße wischte.

Als wir schließlich alle im Schiff waren, erzählten wir kurz was vorgefallen war.
Fragen wurden gestellt und Vorhaltungen gemacht. Gilda war aufgebracht und Josef wollte den Mann nicht an Bord haben. Dann beschlossen wir, den Mann zunächst zu befragen.

Er war inzwischen aufgewacht.
Wir stellten ihm alle möglichen Fragen, doch auch er konnte uns keine zufriedenstellenden Antworten geben.
Nicht, daß er es nicht wollte. Er zitterte wie Espenlaub und fürchtete sein Leben. Ich glaube, in dieser Nacht hätte er sogar seine Großmutter verraten und verkauft.
Nein, er wußte einfach nichts. Er war gedungen von diesem Herrn Kuftsos, dessen Name wir auch in dem Schreiben fanden. Seine Aufgabe bestand darin mich zu fangen und lebendig, das war wohl wichtig, diesem Herrn zu übergeben.
Eine reiche Belohnung wurde ihm versprochen. Und das alles ganz einfach sei hatte dieser Mann ihm gesagt. Dann flehte er uns wieder an, daß wir ihn leben lassen sollen, er würde schon nichts verraten.

Wir diskutierten ein wenig über sein Schicksal - dummerweise in seiner Gegenwart, das war nicht sehr taktvoll. Bald schon wurde er wieder ohnmächtig.
Wir konnten uns schließlich auf nichts einigen und wollten morgen erneut über ihn reden. Dann gingen wir in unserer Kojen, wobei ich zuvor noch Ineluki versorgte.
Sie hatte doch einiges abbekommen.

Ich selbst konnte mich leider nicht behandeln. Der Bolzen hatte mich an einer Stelle getroffen, die für mich unerreichbar war.
Ich bat Gilda um Hilfe. Ich erklärte ihr, was sie tun mußte und versuchte, mit Worten ihre Hände zu führen.
Es war zwar deutlich zu spüren, daß die Heilkunst nicht ihre Profession war, aber dafür stellte sie sich recht geschickt an. Ein kurzer Schmerz durchfuhr meinen Körper, als sie den Bolzen etwas unsanft entfernte, doch die danach aufgetragene Salbe und der Verband linderten ihn sehr bald.
Dann legte auch ich mich schlafen.