28.-30. Sigmarzeit 2512

Nach den Erlebnissen des vergangenen Tages beschlossen wir an diesem Morgen gleich weiter zu fahren. Ineluki machte also die Leinen los und schon bald waren wir wieder auf dem Reik.
Tyr ging während dessen in die Kombüse und bereitete das Frühstück zu - ohne dabei auch die Fische nicht zu vergessen.

Nach dem Frühstück - wir hatten inzwischen Kemperbad ein gutes Stück hinter uns gelassen - warf ich die drei schwarzen Wurfpfeile in den Reik. Wer weiß, vielleicht waren an diesen Pfeilen auch irgendwelche Merkmale des Chaos. Ich wollte sie jedenfalls nicht länger bei mir tragen.

Dann setzten wir uns zusammen und beratschlagten uns. Schließlich hatten wir in Kemperbad wieder keine Ladung aufgenommen - genügend Geld hatten wir schon lange nicht mehr - und waren jetzt auf dem direkten Wege zu Etelka Herzen unterwegs.
Was würden wir dort tun? Sie soll angeblich in einer Burg leben - ein Überfall war also aszuschließen. Dennoch mußten wir irgendwie an sie herankommen.

Während wir überlegten, fuhren wir an einer sehr hoch gelegenen, düsteren Burg vorbei. Es war ein gespenstischer, schon beinahe bedrohlicher Anblick. Fast schien es, als ob plötzlich Nebel aufgekommen wäre und der Fuß der Burg bis zum Flußufer leicht trübe wären.
Eine bedrückte Stimmung erfasste uns und wir schauten, daß wir so schnell wie möglich diesen Ort verließen.

Kurze Zeit später kamen wir an einem Dorf vorbei. Als wir etwas näher an das Ufer heranfuhren, bemerkten wir in diesem Dorf sehr viele, ungewöhnlich armselig bekleidete Menschen, die sich beinahe wie lebendige Untote bewegten - träge und teilnahmslos. Es war kein schöner Anblick!
Ineluki lenkte die Morgenes wieder in die Flußmitte und wir fuhren noch bis zum Einbruch der Dämmerung.

Sehr weit sind wir allerdings nicht mehr gekommen: es herrschte kaum Wind, so daß wir in dieser trostlosen, dunklen Stelle ankern mußten. Wir waren umgeben von dichtem, dunklen Wald, aus dem scheinbar eine bedrückende Stimmung zu uns herüber kam.
Wir beschlossen jedenfalls für die Nacht zwei Wachen aufzustellen. Ineluki erbot sich, den größten Teil der Nacht zu wachen, während Tyr und ich uns abwechselten.

Des Nachts hörten wir aus dem Wald zunächst leise Klagelaute und unterdrückte Schreie. Aufmerksam beobachteten wir den Wald. Die Schreie wurden lauter und auch das Klagen nahm zu.
Dann sahen wir wie die Menschen aus dem Wald zum Ufer hingingen. Immer lauter wurde es und immer mehr Menschen kamen aus dem Wald. Mir wurde ganz Angst und Bange. Ich hoffte inständig, daß sie nicht schwimmen konnten!
Jetzt konnte man sie auch recht deutlich erkennen: es fiel beinahe schwer, diese Wesen noch als Menschen zu bezeichnen. Arme, vom Chaos mißgestaltete Kreaturen mit den verschiedensten Verstümmelungen und Auswüchsen waren es! Welch ein grausiges Schicksal!

Dann plötzlich ein Aufschrei - und Ruhe. Mit einem Mal war kein Laut mehr aus dem Wald zu hören. Die Wesen verschwanden so schnell wie sie gekommen waren. Es war eine unheimliche Ruhe. Ganz trauten wir dem Braten noch nicht und beobachteten sehr aufmerksam das Ufer und der naheliegenden Wald.
Doch nach einiger Zeit kehrten schließlich wieder die normalen Geräusche des Waldes zurück und die Spannung fiel von uns herab.

Leider hielt dies nicht sehr lange und das Klagen und die Schreie begannen aufs neue. Wieder schwoll die Lautstärke an und Wesen kamen ans Ufer und wieder brach alles mit einem Aufschrei ab.

Nach dem dritten Male legte ich mich schließlich schlafen - ich war hundemüde! Dennoch fand ich keinen ruhigen Schlaf, denn dies wiederholte sich die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen!

Am nächsten Morgen wollten Tyr und Ineluki ans Ufer rudern und sich ein wenig umschauen. Ich bewachte deweil das Schiff und hielt die beiden im Auge.

Ineluki brachte sie sicher ans Ufer, hatte jedoch Probleme eine geeignete Landestelle zu finden - das ganze Ufer war sehr morastig. Schließlich fand sie eine etwas festere Stelle und sie stiegen aus.
Langsam gingen sie zum Wald. Der Boden war sehr schwer und schlammig. Sie kamen nur langsam vorwärts.

Auf einmal hörte ich wieder diese Klagelaute, aber diesmal war es mehr wie das Heulen eines verletzten - oder hungrigen? - Tieres. Und es kam näher!
Ineluki und Tyr schienen es auch gehört zu haben, denn sie kehrten sofort um und gingen zurück zum Boot. Anders gesagt, sie wollten zum Boot gehen, doch sie steckten fest! Mit einiger Kraft gelang es zunächst Tyr, später dann auch Ineluki, sich wieder aus dem Schlamm zu befreien und weiter zu gehen. Aber es blieb schwierig. Sie kamen nur sehr zäh voran - und das Heulen wurde immer lauter!

Schließlich erreichten sie das Boot, stiegen ein - und wieder steckten sie fest! Ich spürte den Angstschweiß in meinem Nacken, denn das Heulen kam immer näher. Hoffentlich schafften sie es!
Ineluki stieß sich mit ganzer Kraft ab - und kam los! Zumindest ein kleines Stück, denn dann verhedderte sie sich erneut und blieb nochmals hängen. Aber dieses Mal hatte sie bereits etwas Wasser unter dem Kiel und mit etwas Geschick und Kraft konnte sie sich und Tyr heraus manövrieren und zur Morgenes zurück kehren.
Mir fiel ein Steim von Herzen, denn kurz nachdem Ineluki Kurs auf das Schiff genommen hatte, tauchten die ersten Gestalten am Ufer auf. Als sie bemerkten, daß Ineluki und Tyr schon auf dem Reik waren, zogen sie sich wieder langsam zurück.

Schließlich erreichten die beiden wieder unsere Schiff und Ineluki fuhr weiter. Welch eine unangenehme Gegend!

Nach einiger Zeit trafen wir unterwegs ein Handelsschiff aus Griessenwald. Natürlich wollten wir wissen, was uns im Süden erwarten würde und fragten den Kapitän danach.
Er erzählte, daß sich in Griessenwald Holz und Kohle gut verkaufen ließe, obwohl es eingentlich ein sehr armeliges Fleckchen Erde wäre. Außerdem gäbe es dort recht viele Zwerge, die früher in den Minen gearbeitet hätten. Doch seit die Minen geschlossen wurden, sind sie alle verarmt und recht aggressiv. Oft fände man sie den ganzen Tag über in Kneipen, mit nichts weiter beschäftigt als saufen, spielen und schlägern.

Dann fragten wir noch nach der Burg, an der wir am gestrigen Tage vorüber gefahren waren.
Es sei Burg Wittgenstein, meinte der Kapitän. Hier herrsche Magarethe von Wittgenstein mit harter Hand. Auf die Mutanten angesprochen sagte der Kapitän lediglich, daß sie wohl von der Burg kämen. Es würden wohl die merkwürdigsten Dinge in der Burg geschehen. Die Überlebenden hätten wir ja bereits gesehen - die Leichen verschwinden einfach im Reik.
Dann verabschiedete er sich von uns und wünschte us noch gute Geschäfte.

Nachdenklich fuhren wir weiter.
Das Chaos schien im Süden schon recht gut Fuß gefasst zu haben. Umso wichter war es, schnell zu reagieren. Aber ein mulmiges Gefühl blieb doch!

Am späten Nachmittag zog ein Unwetter auf. Schnell brachten wir alles Bewegliche unter Deck und befestigten es gut.
Gerade noch rechtzeitig. Denn nach dem ersten, noch leichten Regen und Wind ging es plötzlich richtig los! Regen preitschte uns ins Gesicht und ein Sturm wie ich ihn noch nie erlebt hatte spielte mit der Morgenes wie mit einer Nußschale. Der Regen wechselte zu Hagel und wieder zurück zu dichtem Regen. Man sah kaum noch die Hand vor Augen. Die Wolken waren so dunkel als sei es bereits Nacht.

Wir hatten keine Wahl - es ging nicht mehr weiter. Jegliche Navigation war unmöglich. Also lenkte Ineluki das Boot so gut es eben ging in Ufernähe und ankerte.
Es dauerte keine fünf Minuten, da hörten wir wieder das Heulen der vergangenen Nacht. Nicht das jetzt auch noch!

Doch wir hatten kein Glück. Das Klagen und die Schreie wurden immer lauter und schon bald erkannten wir die ersten Gestalten am Ufer. Plötzlich bemerkte Ineluki, wie zwei der Gestalten versuchten, zu uns herüber zu schwimmen.
Jetzt wurde es brenzlig!
Sofort packten Tyr und ich unsere Armbrüste, zielten, trafen und töteten die beiden Wesen.

Scheinbar etwas eingeschüchtert zogen sich die anderen Wesen am Ufer ein wenig zurück. Sicherheitshalber schossen Tyr und ich nochmals in den Wald. Wir konnten zwar praktisch nichts erkennen, aber als Warnschuß taugte es allemal.

Inzwischen war es auch Abend geworden und die starke Anspannung ermüdete uns. Dennoch blieb uns keine Wahl - wir mußten verstärkte Wache schieben.
So entschlossen wir uns, daß immer zwei mit gespannten Armbrüsten an Deck blieben, während einer schlief.

Aber scheinbar hatte unser entschlossenes Handeln auf sie gewirkt, denn während der Nacht versuchte niemand mehr, auf unser Boot zu gelangen.

Dennoch waren wir nicht gerade ausgeruht, als wir am nächsten Morgen weiterfahren wollten.
Zum Glück hatte es zumindest etwas aufgeklart, wenn es auch immer noch regnete. Zumindest der Sturm hatte sich gelegt.
Kurz nach dem Morgengrauen verschwanden dann auch die Gestalten vom Ufer. Ineluki legte ab und wir fuhren weiter.

Es war ein ziemlich ereignisloser Tag. Es blieb trübe und wir kamen nur sehr langsam voran. Wenn das die nächsten Tage so weiterginge, würde uns das noch auf unser Gemüt schlagen. Die beste Stimmung war ohnehin schon nicht mehr an Bord.

Gegen Abend suchte Ineluki wieder einen geeigneten Ankerpltz in der Mitte des Flusses, während Tyr das Abendessen zubereitete.
Nach dem Essen teilten wir wieder die Wache ein und legten uns (zumindest teilweise) schlafen.