28. Pflugzeit 2512

Am frühen Morgen wurde mein Schild geliefert und gleich vorne am Bug angebracht, so daß es von weitem sichtbar war. Doch bevor ich meine Praxis eröffnete, kam ein Mann mit einem Langbogen zu uns und forderte Sora zu einem Wettschießen heraus.
Wir erinnerten uns noch an die schlechten Erfahrungen des letzten Wettkampfes, doch Sora war zuversichtlich und nahm die Herausforderung an. Vielleicht konnten wir ja jetzt einen Teil des Geldes zurückgewinnen, den wir beim letzten Mal verloren hatten.

Wir gingen also an einen freien Platz im Ort, wobei uns bereits einige Schaulustige folgten. Dann wurden 50 Schritt abgemessen und ein Apfel auf einen Holzpflock gelegt.
Sora sollte als erste schiessen. Sie nahm kurz Maß, schoß und zerteilte den Apfel. Ihr Herausforderer machte es ihr nach.
Als nächstes folgten wieder die 100 Schritt. Auch hier hatten beide keine Probleme.

Überzeugt von Soras Leistung hatten wir inzwischen auch einige Kronen auf ihren Sieg gewettet.
Als nächstes wurden 300 Schritt bemessen. Dieses Mal sollte der Herausforderer, der sich selbst "Habicht" nannte als erster schießen.
Sorgfältig zielte er, schoß - und spaltete den Apfel. Dann war Sora an der Reihe. Auch sie nahm sich Zeit und konzentrierte sich auf den Schuß. Dann ließ sie die gespannte Sehne los - und auch sie traf den Apfel.
In der nächsten Runde (auf gleicher Distanz) trafen beide nicht mehr, so daß schließlich der letzte Durchgang die Entscheidung bringen sollte.

Sora schoß als Erste, verfehlte aber erneut das Ziel. Dann kam Habicht an die Reihe. Er konzentrierte sich auf den Apfel, schoß - und traf.
Und wieder waren wir um einige Kronen ärmer!

Sora gratulierte Habicht und auch er zollte ihr Respekt, denn sie hatte bis zum letzten Schuß gut mitgehalten. Wir unterhielten uns noch etwas - Habicht stellte sich als recht netter Zeitgenosse heraus - und beschlossen, am Abend im "Reichen Mann" zu essen zu gehen. Habicht luden wir als unseren Gast ein.
Dann ging wieder jeder seiner Wege: Ineluki zu Jakob Auermann, Tyr zu Aischa, Sora blieb noch etwas bei Habicht und ich eröffnete meine Praxis.

An diesem Tage kamen nur wenige Patienten zu mir, viele sahen zwar das Schild, wussten aber wohl nicht so recht, was sie davon halten sollten und warteten erst mal ab.
Dennoch war ich zufrieden, denn ich konnte allen Patienten helfen und wohlbehalten wieder nach Hause schicken.

Am Abend machten wir uns alle fertig und gingen in den "Reichen Mann". Dort wartete bereits Habicht auf uns und wir gingen geschlossen hinein. Dienstpersonal führte uns an unseren Tisch und wir ließen uns die Empfehlung des Küchenchefs bringen.
Während wir auf den ersten Gang warteten, fragten wir Habicht nach seinen weiteren Zielen. Er erzählte, daß er als nächstes nach Mittenheim oder Talabheim fahren würde, um dort noch ein paar Kronen zu verdienen. Von größeren Grenzstreitigkeiten wußte er nichts und glaubte auch nicht, daß es dort gefährlicher sei, als anderswo auf dieser Welt.

Dann wurde das Essen gebracht. Es war - wie schon zuvor - vorzüglich. Während des Essens beobachtete ich heimlich Tyr, doch er hatte wirklich gewaltige Fortschritte gemacht. Ich war ziemlich Stolz auf ihn.
Zum Hauptgang kam ein Barde und spielte eine wunderschöne Melodei. Ineluki hörte ganz verzückt zu, daß sie darüber fast das Essen vergaß. Er schien es zu bemerken, kam an unseren Tisch und spielte ein weiteres Lied für uns. Dann verneigte er sich und zog sich zurück.

Nach unserem Dessert sprach uns ein Kellner an und sagte, daß der Barde um ein Gespräch bat. Wir willigten ein und bald darauf kam der Barde zu uns an den Tisch.
Er erzählte uns, daß er ein Problem hätte und unsere Hilfe benötigen würde. Genauer gesagt brauchte er Tyrs Hilfe als Gerichtsstreiter.
Natürlich wollten wir wissen, was denn genau sein Problem sei und welche Ungerechtigkeit ihm widerfahren war, daß er einen Gerichtsstreiter benötigte.

Dann hub er an zu erzählen.
Er war verliebt in eine Frau aus Altdorf und verlebte glückliche Stunden mit ihr. Doch angeblich soll er Schande über sie gebracht haben und wurde nun genötigt, sie zu heiraten. Er wollte diese Heirat aber auf keinen Fall, da er dann nicht mehr die Freiheit hätte, seiner Profession nachzugehen.
Als wir ihn fragten, wie denn diese angebliche Schande ans Tageslicht gekommen war, gab er zerknirscht zu, daß sie inzwischen ein Kind geboren hatte. Allerdings beteuerte er, es sei nicht von ihm gewesen.
Dann wollten wir noch etwas mehr von der Familie wissen. Hier erklärte der Barde, sie wäre die Tochter einer Familie des Altdorfer Landadels. Näher kannte er die Familie jedoch nicht.

Wir fragte noch eine Weile weiter und begannen bereits den Fall zu diskutieren. Schließlich sagte Tyr zu dem Barden, daß er sich es bis zum morgigen Tage überlegen würde, ob er den Fall annehmen würde.
Dann bat Ineluki um ein Tanzlied ihrer Ahnen. Der Barde verneigte sich und spielte auf. Ineluki stand auf und fing an zu tanzen. Es war die perfekte Harmonie aus Musik und Bewegung. Auch den anderen Gästen entging nicht dieses einzigartige Schauspiel und es blieb eine Leere, als die Musik endete, Ineluki sich beim Barden bedankte und wieder zurück auf ihren Platz ging.

Auch Habicht bedankte sich bei uns für die Einladung und verabschiedete sich.
Wir blieben noch eine Weile sitzen, diskutieren weiter darüber, ob der Barde nun im Recht sei oder nicht und was wir tun sollten. Schließlich beschlossen wir, morgen zu Aischa zu gehen und sie um Rat zu befragen.

Dann zahlten wir und gingen heim auf die Morgenes.