27. Sigmarzeit 2512

Ich schlief länger als gewöhnlich und wurde erst durch aufgeregten Lärm vom Deck geweckt. Es hörte sich zwar nicht nach Kampfeslärm an, aber dennoch wollte ich natürlich wissen, was sich an Deck abspielte. Also zog ich mich an und ging hoch.

Oben angekommen glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen: Ineluki fuhr mit vollen Segeln hart am Wind, knapp verfolgt von einem Händlerboot.
Ich ging zu Tyr und fragte ihn, was denn in Ineluki gefahren sei - sie fuhr wie besessen und es schien ihr auch noch Spaß zu bereiten!
Tyr erklärte mir daraufhin, daß Ineluki des Nachte einem Boot entgegen unserer Fahrtrichtung gefolgt sei. Leider war er erst aufgewacht, als sie schon gehalten hatte und zu diesem Schiff - daß ebenfalls gestoppt hatte - hinüberschwimmen wollte! Dies konnte er ihr glücklicherweise ausreden, denn das Boot war unbeleuchtet gefahren, womit anzunehmen war, daß der Besatzung ein plötzlicher Besucher ganz gewiß nicht Recht gewesen wäre!
Alsdann fuhr sie wieder in unsere usprüngliche Richtung, wobei sie unterwegs einem Handelsschiff begegnet war, einige Worte mit dem Kapitän wechselte, Segel setzte und mit voller Fahrt voraus ging. Das gleiche tat der Kapitän des Handelsschiffes und nun lieferten sich diese beiden Schiffe seit einigen Minuten ein heftiges Kopf-an-Kopf Rennen, wobei es schien, daß Ineluki zunehmend an Boden gewann.

Ich schüttelte nur mit dem Kopf, aber ändern konnte ich nichts daran - sie war der Kapitän. Ich hoffte nur, sie wusste, was sie tat!
Nichts desto trotz bewunderte ich ihrer Geschicklichkeit mit der sie die Morgenes gefühlvoll immer wieder richtig in den Wind setzte und damit dem anderen Schiff den Schneid abkaufte.
Der Kapitän des Handelsschiffes kam ziemlich ins Schwitzen und bellte seine Befehle so laut, daß sie bis zu uns zu hören waren.

Plötzlich hörten wir ein lautes Knirschen und einen Wutschrei des Kapitäns auf dem Handelsschiffes. Der Hauptmast konnte dem Winddruck nicht mehr standhalten und war gebrochen. Sehr schnell verlor das Boot an Fahrt und der Abstand vergrößerte sich. Den Kapitän sahen wir noch aus der Ferne mit hochrotem Kopf, wie er Ineluki einen wütenden Blick zuwarf und gleichzeitig seine Mannschaft anbrüllte.
Freudestrahlend fuhr Ineluki mit etwas veringerter Geschwindigkeit weiter.

Nach einiger Zeit überholten wir ein Patrouillenboot. Kaum waren wir vorbei, erhöhte es seine Geschwindigkeit und hielt auf uns zu.
Plötzlich ging auch Ineluki wieder auf volle Fahrt und vergrößerte wieder den Abstand. Das konnte doch nicht wahr sein! Wir hatten nichts zu verbergen, eine Überprüfung hätte uns keine Probleme bereitet. Doch jetzt schien Ineluki das Unheil geradezu herbeizubeschwören!

Das Patrouillenboot war nicht so leicht abzuschütteln - im Gegenteil es erhöhte nochmals seine Geschwindigkeit und kam uns wieder näher. Aber anstatt daß Ineluki nun klein beigab und das Boot heranfahren ließ, setzte sie den Spinnaker und fuhr noch schneller! Langsam bekam ich Angst, daß die Morgenes zerbrechen würde - so schnell war sie noch nie gefahren!
Ganz langsam vergrößerte sich wieder der Abstand, doch mir kamen Zweifel, ob wir diese Geschwindigkeit noch lange würden durchhalten können.

Plötzlich tauchten nach einer Flußbiegung einige Fischerboote auf.
Ineluki hielt die Geschwindigkeit bei, fuhr jedoch in einem für meinen Geschmack ziemlich gewagten Manöver inmitten der freien Rinne an den Booten vorbei. Von der nachfolgenden Welle wurden die Fischerboote hin und her geschleudert, so daß sich die Rinne noch weiter verkleinerte.
Für das Patrouillenboot war sie jedenfalls zu klein, so daß es aus voller Fahrt eines des Fischerboote rammte und stehenblieb.
Als wir uns nochmals umsahen, konnten wir zum zweiten Male an diesem Tage einen ziemlich ärgerlichen Kapitän beobachten, der seine Mannschaft anschrie und uns wütende Blicke zuwarf.

Ineluki nahm den Spinnaker wieder weg und fuhr mit leicht verminderter, aber immer noch recht hoher Geschwindigkeit weiter. Dann gaben Tyr und ich Ineluki deutlich zu verstehen, daß die Aufregung für den heutigen Tage reichen und wir von weiteren Rennen gerne absehen würden. Ineluki erwiderte darauf, daß die Rennen doch Spaß gemacht hätten, versprach aber für den restlichen Tag wieder normal zu fahren.

Gegen Abend erreichten wir schließlich Kemperbad und Ineluki parkte zügig aber problemlos ein.
Dann gingen wir auf den Quai.

Plötzlich ertönten Fanfaren und Gardesoldaten ritten in scharfem Tempo über den Platz. Menschen stieben auseinander und vor den beiden Aufzügen zur Stadt hinauf wurde der Platz schnell geräumt. Dann öffneten sich die Aufzugstüren und heraus kam ein sehr dicker Mann mit insgesamt neunzehn Mann Geleitschutz.
Von der Mange erfahren wir, daß der Mann Otto Graf von Bornemann, Pleni Pontentiarius sei. Er war vom Imperator eingesetzt, um in dieser Stadt nach dem rechten zu sehen und die Korruption einzudämmen.

Der Graf und seine Begleiter gingen zügig auf ein prunkvolles Schiff im Hafen. Dann folgten - ohne auf die inzwischen wieder den Platz füllenden Menschen zu beachten - die Gardesoldaten, die wieder zurück auf ihr Kriegsschiff ritten.
Dabei warfen sie eine alte Frau zu Boden, die benommen liegen blieb. Ineluki erreichte sie als erste, dann rief sie mich. Ich untersuchte sie kurz, doch sie hatte glücklicherweise keine schweren Verletzungen abbekommen. Dann gesellte sich noch ein weiterer Mann zu uns und fragte mich, ob er der verletzten Frau helfen sollte. Er wäre Medicus und kenne sich in solchen Dingen aus.
Ein Blick genügte mir und mir war klar, daß ich diesem Mann ganz gewiss nicht an die Frau heranlassen würde: sein Atem roch schlecht, einige Zähne fehlten und seine Kleidung war heruntergekommen. Dies war allenfalls ein Bader, noch wahrscheinlicher war jedoch, daß er ein Scharlatan war.

Etwas kühl erwiederte ich, daß ich keine Hilfe benötigen würde - ich wäre selbst Medicus. Dann erbat er sich allerdings, zuschauen zu dürfen, was ich ihm wiederum nicht ausschlagen konnte.
Dann behandelte ich die Frau kurz und schon bald kam sie wieder zu sich. Ich erklärte ihr darufhin kurz was mit ihr geschehen sei und daß sie nun wieder wohlauf sei. Dann bedankte sie sich und wir verabschiedeten uns von ihr und von dem Medicus, der sich noch mit Maximilian Schneidefeld vorstellte.
Schließlich gingen wir zu den Aufzügen und fuhren hoch.

Kaum waren wir oben angekommen, waren wir auch schon mitten im Treiben. Überall wurde Ware angepriesen, gehandelt und geschachert. Es war deutlich zu spüren, daß es sich um eine große Handelsstadt handelte: überall ging es um Waren und Geld. Es war kein Wunder, daß in einer solchen Stadt die Korruption blühte und Verbrechen sich lohnte.
Nein, hier fühlte ich mich gar nicht wohl. Lange wollte ich her jedenfalls nicht bleiben!

Mit diesen Gedanken zogen wir weiter durch dichte Menschentrauben und plötzlich war Tyr verschwunden! Was nun? Wir hatten gerade die Ladenzeile erreicht, bei der wir uns umschauen und eventuell noch etwas für unterwegs nachkaufen wollten.
Wir beschloßen, kurz durch die Läden zu gehen und dann zum Schiff zurück zu kehren.

Kaum waren wir einige Meter gegangen, sprach mich ein Mann mit Castor an.
Nicht schon wieder! Ich hatte gehofft, von diesen Leuten nichts mehr zu hören, aber da hatte ich wohl kein Glück.

Ziemlich direkt fragte er mich nach dem Verbleib des Geldes und forderte die Summe für seine Gruppe zurück. Außerdem empfahl er mir, mich doch wieder der Gruppe anzuschließen. Ich könne sogar meinen alten Posten wieder bekommen. Es wäre viel besser für uns alle, wenn ich die Reisen unterlassen und wieder für sie arbeiten würde.
Ich erwiderte ihm, daß ich noch eine persönliche Sache im Süden zu erledigen hätte, dann könne ich zurückkehren und ihm das Geld bringen.
Er warnte mich nochmals, daß ich es nicht versuchen sollte, die Gruppe um das Geld zu bringen, ihre Augen wären überall. Aber das wüßte ich ja ohnehin und er vertraue mir auch. Dennoch sei es wesentlich besser für mich, wenn ich gleich hierbleiben würde, der Süden sei schließlich gefährlich. Überall gebe es dort Nurgle und mit dieser Gruppe wolle man schließlich nicht zu tun haben.

Ich bestand jedoch darauf, in den Süden zu fahren und er erkannte recht bald, daß er hier bei mir nicht weiterkommen würde. So wünschte er mir alles Gute, verabschiedete sich und verschwand bereits nach kurzer Zeit im Gewühl.

Mit flauem Gefühl im Magen gingen wir schließlich in einen der Läden und kauften reinen Alkohol für Ineluki.
Als wir aus dem Laden kamen, tauchte auch Tyr plötzlich wieder vor uns auf. Ich war heilfroh, daß wir wieder alle zusammen waren!

Dann gingen wir gemeinsam in ein gutes Restaurant und aßen zu abend.
Beim Essen erzählte uns Tyr, daß er in der Menschenmenge den Chef der hiesigen Unterwelt getroffen habe. Sie hätten sich kurz unterhalten und wären dabei auch auf die Provisionen zu sprechen gekommen. Hier machte er deutlich, daß er kein Ausnahmen machen könne, so daß wir von allen Einnahmen 50% an ihn abzutreten hätten.
Unter solchen Umständen verspürte ich keine allzu große Lust, meinem Gewerbe in dieser Stadt nachzugehen!

Dann bat ich Tyr, nach dem Essen mein Schießpulver zu verkaufen, was er schließlich auch mit großem Erfolg tat. Immerhin erzielte er für die sechs Portionen ganze 80 Kronen. Das war keine schlechte Summe!

Während dessen wollten Ineluki und ich langsam zurück zur Morgenes gehen.
Auf einmal zog mich Ineluki in eine kleine Seitengasse. Sie erklärte mir kurz, daß sie einen dunklen Schatten gesehen hätte, dem sie nachgehen wolle.
Mir war die ganze Sache nicht geheuer, aber ich konnte sie unmöglich alleine lassen.

So gingen wir weiter in die Gasse hinein, als wir plötzlich hinter uns schwere Schritte hörten. Ich drehte mich rasch um und sah hinter uns einen Mann in schwerer Rüstung, der sich uns schnell näherte. Ich hatte das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein, denn auf einmal blieb Ineluki stehen und meinte, daß auch der Schatten stehen geblieben sei und sich uns langsam näherte.
Mir schmeckte die Situation überhaupt nicht! Ich schaute mich schnell um und bemerkte nur einige Schritte entfernt eine Kneipe, die durch ein paar Stufen nach unten zu erreichen war. Sofort drängte ich Ineluki die Stufen hinunter, öffnete die Tür und wir traten ein.
Die Türe war noch nicht ganz verschlossen, da hörten wir ein "Tock" direkt hinter uns. Ein Geräsch, als wäre ein Gegenstand an die Türe geworfen worden. Kurz danach folgte ein dumpfer Aufprall. Dann kam der Wirt zu uns und fragte uns nach unseren Wünschen. Wir lehnten jedoch ab und gingen wieder hinaus.

An der Tür steckte ein schwarzer Wurfpfeil in Kopfhöhe! Wären wir auch nur wenige Sekunden langsamer gewesen, würde dieser Wurfpfeil jetzt in Inelukis oder meinem Kopf stecken! Dann bemerkten wir die schwarzgewandete Gestalt regungslos am Boden. Einige Meter weiter sahen wir noch den schwer gerüsteten Mann, der sich nun schnell von uns entfernte.
Während ich noch bei der Leiche blieb, rannte Ineluki hinter dem Mann her und erreichte ihn schließlich. Dann folgte auch ich ihr.

Als ich zu ihnen kam, unterhielten sie sich in einer Fremdartigen Sprache, die ich inzwischen als elfisch identifizieren konnte. Dann stellte sich der Mann als Konstantin vor. Er würde dem Hause des roten Falken angehören. Hier klingelte etwas bei mir und ich fragte ihn, ob er denn auch Aischa de la Roja kennen würde. Ganz erstaunt, diesen Namen von uns zu hören, bejahte er und fragte uns nach ihrem Wohlbefinden.
Wir erzählten ihm, daß wir sie zuletzt in Delbertz getroffen hatten und daß sie nun unterwegs nach Middenheim wäre. Sie hätte wohl dort einige private Dinge zu klären. Mehr wüßten wir aber derzeit auch nicht.
Dann verabschiedeten wir uns und er verschwand schnell in den Gassen.

Wir kehrten nochmals zur Leiche zurück, durchsuchten sie kurz, wobei wir zwei weitere schwarze Wurfpfeile fanden, die ich an mich nahm und verließen dann ebenfalls schnell diesen Ort.
Ohne weitere Umschweife kehrten wir zurück auf unser Schiff.

Nach einiger Zeit kam auch Tyr mit einer Kiste guten Kemperbader hinzu und erzählte, daß er das Schwarzpulver verkauft hätte. Wir erzählten ihm noch kurz von unserem Erlebnis und legten uns dann müde in unsere Kojen.