27. Jahrdrung 2512

Am nächsten Tag waren unsere Kutscher bereits nach dem Frühstück zur Abfahrt bereit. Die hatten nur wenig getrunken und fuhren daher selbst. Wir nahmen wieder oben auf der Kutsche Platz, während die anderen Passagiere im Inneren ihre Plätze einnahmen.

Wir kamen gut voran, wenn auch das Wetter uns nicht sonderlich gewogen war. Ein leichter, aber beständiger Nieselregen, dazu ein kühler Wind ließen uns etwas frieren. Trotz dieser Widrigkeit ließen wir uns die Laune nicht verderben, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis wir endlich in Altdorf ankamen.

Es gab im Verlaufe der Reise keine unliebsame Überraschung mehr, so daß wir am Nachmittag Altdorf erreichten.

Welch ein Leben, welch ein Treiben. Eine so große Stadt habe ich noch nie gesehen!
Überall waren Menschen. Sie rannten umher, riefen, verhandelten, kauften und verkauften.
Gerade wollten wir aussteigen, da warnte uns der Kutscher noch: Allerlei Gesindel gäbe es hier; wir sollten gut auf unsere Börsen aufpassen. In dem Moment bemerkte Tyr, wie ein kleiner Junge irgend etwas an sich nahm und sehr schnell davon rannte. Der bestohlene rief ihm noch etwas hinterher, doch der Junge war lange weg.

Wir schlenderten über den Platz, als Ineluki und Tyr diese beiden seltsamen Gestalten am Ende des Platzes sahen. Sie stießen mich an, denn scheinbar machten sie mir ein Zeichen. Ich sah dorthin und wiederholte das Zeichen, indem ich mit dem Finger meine Nase rieb.
Plötzlich verschwanden diese Leute in den Eingang eines Gebäudes. Sofort postierte sich eine breitschultrige finstere Gestalt als Wache davor.

Wir wollten gerade überlegen, was wir nun tun sollten, als wir plötzlich eine Stimme hörten: "Ti'Dyr? Nein, das darf doch nicht wahr sein!" Tyr drehte sich um und sein Gesicht erhellte sich: "Joseph! Was machst du denn hier?".
Die beiden begrüßten sich herzlich und Tyr stellte uns gegenseitig vor. Wir gingen weiter und die beiden Männer unterhielten sich über ihre gemeinsame Vergangenheit.
Es stellte sich heraus, daß Joseph Schiffer war, der gerade gut eingekauft hatte und am nächsten Tag in Richtung Bögenhafen ablegen wollte.

Das paßte ja wunderbar. Genau da wollte ich auch hin! Dort könnte ich vielleicht etwas über meinen Doppelgänger erfahren.

Joseph bot uns an, bei ihm auf dem Schiff zu übernachten. Er mußte jetzt allerdings noch einige Besorgungen für morgen machen. Für den Abend verabredete er sich mit uns in einer Hafenkneipe, um uns noch etwas besser kennenzulernen und mit Tyr die alten Zeiten aufzuwärmen.
Dann verließ er uns und wir gingen weiter durch die Stadt.

Wir ließen uns etwas vom Strom der Menschen treiben, schlenderten über den Markt und achteten darauf, daß keiner dieser nichtsnutzigen Tagediebe sich unserer Hab und Gut bemächtigte. Naja, viel Geld hatten wir nach der Ohrfeige zu 50 Kronen ohnehin nicht mehr. Daher blieb es auch beim Begutachten der Ware - leisten hätten wir sie uns sowieso nicht können! Tapfere Recken gesucht!

 

Auf einmal sahen wir an einem Tor einen Anschlag: "Tapfere Recken gesucht!". Na, das wäre doch etwas für uns. Und der Lohn war auch fürstlich.
Wir beschlossen, am nächsten Morgen dem Kronprinzen unsere Aufwartung zu machen. Unserer Geldbörse würde dieser Auftrag jedenfalls gut tun. Schafsfest

 

Als wir weiter gingen, sahen wir noch einen weiteren Anschlag, eine Einladung zum Schafsfest.
Ich habe noch nie etwas davon gehört, aber als wir uns etwas näher erkundigten, erfuhren wir, daß es sich wohl um ein recht großes Fest handeln mußte. Vielleicht ließ sich ja das eine mit dem anderen verbinden. So käme ich dann auch noch nach Bögenhafen, denn dort fand das Fest statt. Und einem Fest war eigentlich niemand so recht abgeneigt - höchstens noch die Elfe, aber vielleicht findet auch sie im Laufe der Zeit ihren Spaß an den menschlichen Gebräuchen.

Während wir also durch die Stadt gingen, besprechen wir noch das Für und Wider - aber letztenendes beschlossen wir, das Angebot des Kronprinzen anzunehmen und auf dem Weg in die Berge einen Abstecher nach Bögenhafen zu machen. Rückblickend betrachtet kann ich nur die immerwährend gültige Weisheit wiederholen: "Plane nie im Voraus - Es kommt ohnehin immer anders als erwartet!".
Und so war es auch in diesem Fall!

Inzwischen ist es Abend geworden und wir begaben uns langsam zu der Kneipe, in der wir Josef treffen wollten. Sie war leicht zu finden und so traten wir ein.
Es war eine typische Hafenkneipe: laut, voller Qualm, viele Menschen, deftiges Essen und ein gutes Bier.
Wir gaben gerade unsere Bestellung auf, da kam auch schon Josef. Er saß sich zu uns, Essen und Getränke wurden gebracht und bald schon wurde laut geredet, gelacht und diskutiert. Ti'Dyr und Josef schwelgten in ihren gemeinsamen Erinnerungen.
Je mehr ich von Josef hörte, um so klarer wurde mir, daß er ein Mensch war, auf den man sich verlassen konnte. Ein aufrechter Mann, Schiffer und Händler, der für seine Freunde auch mal fünfe gerade sein lassen konnte.

Wir waren gerade in der schönsten Unterhaltung, als ein schwarz gekleideter Mann mit zwei Adeligen an unseren Tisch kam und versuchen wollte, Tyr zu provozieren. Glücklicherweise reagierte Sora schnell und setzte sich auf Ti'Dyrs Schoß. Ich sah ihm deutlich an, wie er innerlich kochte. Aber dieses Mal reagierte niemand auf die Beleidigungen und Provokationen der Adeligen und dieses hochnäsigen Mannes, so daß sie nach einiger Zeit wieder unseren Tisch verließen.

Wir sprachen noch eine Zeitlang über den Vorfall und waren alle froh, daß die Situation nicht weiter eskaliert war. Denn weiteren Ärger wollten wir auf jeden Fall vermeiden.
Aber schon bald haben wir unser Gespräch wieder aufgenommen. Ab und an beobachteten wir noch die Adeligen am Tresen. Doch nachdem wir keine Reaktion gezeigt hatten, war ihnen der Spaß vergangen und so beschäftigten sie sich längst mit anderen Dingen.
Lediglich dieser schwarz gekleidete stänkerte weiter mit anderen Gästen herum. Er machte sich nicht gerade beliebt damit, aber das war uns eigentlich ziemlich egal, solange er uns in Ruhe ließ.

Irgendwann am Abend - wir hatten längst wieder zu unserer alten Fröhlichkeit zurück gefunden - ist Josef auf das stille Örtchen gegangen. Es war auch kein Wunder bei den Mengen Bier, die er verdrückte. Wir unterhielten uns weiter, doch nach einiger Zeit wunderten wir uns, wo er denn bliebe und fingen schon an Scherze darüber zu machen.
Plötzlich kam dieser schwarze Hüne erneut an unseren Tisch, diesmal alleine. Die Adeligen waren inzwischen kaum noch Herr ihrer Sinne, aber sie feuerten ihn an, als er uns nochmals versuchte zu provozieren.
Wir hätten ihn auch diesmal ignoriert, wenn nicht sein Blick kurz zur Tür geflogen wäre. Dort sahen wir Josef, wie er von zwei muskelbepackten Schränken gehalten wurde.

Jetzt wurde Tyr richtig wütend! Aber immer noch wollten wir eine Konfrontation vermeiden. Doch der schwarze Mann ließ nicht locker. Er gab den Männern an der Tür ein Zeichen und sie schlugen Josef mit voller Wucht in den Magen. Ein unterdrückter Schmerzensschrei kam aus seinem Munde und er sackte zusammen.

Das war zuviel für Ti'Dyr!
Er zog sein Schwert, stand auf und griff den Hünen an. Wir wollten ihm helfen, doch Ineluki und Sora war der Tisch im Weg und ich wollte in der Menge keinen Messerwurf riskieren. Es war ein ziemlich harter Kampf und ich machte mir ernsthafte Sorgen um Ti'Dyr. Sein Gegner war sehr behende und hatte einen harten Schlag.
Im Lokal war es inzwischen völlig still. Man hörte nur noch das harte metallische Klingen der Schwerter und ab und an den fahrigen Ausruf von einem der Adeligen.
Dann, mit einer plötzlichen Drehung traf Tyr den Schwarzen an seiner ungedeckten Seite und durchschnitt seinen Brustkorb bis zum Herzen. Schwer getroffen, voller Haß im Gesicht brach der Mann in einer Blutlache zusammen.

Es gab ein zustimmendes Gemurmel - den Leuten war der Mann wohl auch nicht sonderlich sympathisch. Etwas ernüchtert verließen die Adeligen schnell die Kneipe und auch wir taten besser daran, schnell das Weite zu suchen, denn wir hörten schon die typischen Schritte einer Wache.
Die beiden Schränke an der Tür waren auch bereits geflohen, nachdem sie gesehen hatten, daß ihr Vorgesetzter schwer getroffen wurde.
So nahmen wir also Josef unter die Arme und liefen in Richtung Hafenkai.

Unterwegs bekam ich plötzlich das unangenehme Gefühl, daß wir verfolgt würden. Ich sagte es den anderen und wir beschlossen, daß Sora und ich mit Josef weiter laufen sollten und Ineluki mit Tyr dies kurz überprüfen würde.

Ich war noch nicht ganz am Boot, als uns die beiden wieder eingeholt hatten. Völlig erschöpft liefen wir noch die letzten Meter, gingen an Bord und verschwanden sofort unter Deck. Tyr rief Gilda noch zu, daß sie alles dicht machen und nichts sagen solle.
Kurz darauf hörten wir, wie Gilda von einigen Wachleuten gefragt wurde, ob sie eine kleine Gruppe hat vorbeilaufen sehen. Sie antwortete recht unbestimmt und muß wohl in eine Richtung gedeutet haben, denn kurz darauf hörten wir, wie sich die Wachleute schnell entfernten.
Auf Gilda war wirklich Verlaß!

Unter Deck behandelte ich zuerst Tyr, der doch einige Verletzungen aus dem Kampf mit dem schwarz gekleideten Mann davongetragen hatte. Anschließend versorgte ich Josef und wies beide an, sich ruhig zu verhalten, damit die Wunden besser verheilen.
Und dann mußte meine Neugier gestillt werden, denn schließlich wollte ich wissen, was vorgefallen war.

Ineluki erzählte, daß sie kurz nachdem sie sich von uns getrennt hatten, auf zwei Männer gestoßen waren, die sie angreifen wollten. Doch dazu war es gar nicht erst gekommen, denn kaum waren die Waffen gezogen, wurden beide Verfolger von Armbrustbolzen niedergestreckt.
Den Schützen konnten sie jedoch nicht entdecken.
Bei der Untersuchung der Toten sahen sie mit Schrecken, daß es die selben Männer waren, die uns, bzw. mir auf dem Marktplatz diese merkwürdigen Zeichen gemacht hatten. Außerdem hatten beide als Zeichen eine violette Hand eintätowiert.
Sie wollten die Toten noch genauer untersuchen, doch sie wurden durch einen Trupp Wachsoldaten unterbrochen und mußten fliehen.

Damit war klar, saß wir morgen in aller Frühe mit Josef in Richtung Bögenhafen aufbrechen würden und das Angebot des Kronprinzen sicherlich nicht wahrnehmen konnten.
Bald schon erstarb unsere Unterhaltung und wir legten und müde und erschöpft von den Wirren des Tages in unsere Kojen.