26. Sigmarzeit 2512

Am nächsten Morgen erwache ich gut ausgeschlafen in meiner Kabine. Ich war etwas verdutzt, denn ich hatte das Gefühl, länger geschlafen zu haben als üblich. Aber noch etwas erstaunte mich: es war absolut ruhig auf dem Schiff - so als ob noch keiner aufgestanden wäre. Dabei schien schon die Sonne hell in meine Kabine herein.
Normalerweise war zumindest Ineluki immer schon vor mir auf den Beinen und nutzte die ersten Sonnenstrahlen, um weiter zu fahren.

Ich zog mich also an und ging an Deck.
Doch kaum war ich oben, stockte mir der Atem: alle drei lagen versteut auf Deck und schienen zu schlafen. Was war hier nur wieder passiert?
Ich rief sie an und fragte, wie lange die Herrschaften denn noch schlafen wollten. Erst jetzt begannen sich die ersten Glieder zu regen. Ineluki und Tyr waren bald auf den Beinen, doch Sora blieb regungslos liegen. Ich ging zu ihr hin und plötzlich wurde mir kalt. Sie war fahlweiß im Gesicht. Ich schaute sie mir noch etwas genauer an und fand zwei Löcher an ihrem Hals - noch schwerer wiegte allerdings, daß auch ihr Puls vollständig fehlte. Sie war ganz eindeutig tot, und irgend jemand schien Gefallen daran gefunden zu haben, sie praktisch vollständig auszusaugen.

Ineluki und Tyr dagegen schienen ziemlich verwirrt. Keiner konnte sich mehr so genau erinnern, was eigentlich gestern Nacht vorgefallen war. Sie schienen auch in einer Art Schockzustand zu sein.

Dann sah ich mir nochmals die Bißwunde Soras an und bemerkte, daß dicht neben ihrer Verletzung ein Pentagramm in ihrer Haut eingeritzt war.
Langsam wurde die Sache unheimlich. Ich schaute zu Ineluki und Tyr auf und bemerkte dabei, daß auch auf dem Schiffsboden ein Pentagramm eingeritzt war.
Was war nur in dieser Nacht passiert?

Langsam schienen auch Ineluki und Tyr sich wieder zu fassen und Ineluki erinnerte sich, daß sie in der Nacht drei Gestalten sah: am Ufer ein böses Wesen, sowie den Wassergeist und den weißen Wolf auf unserem Schiff. Dann beschwörte des Wesen vom Ufer drei Vampire auf unser Boot, die sofort Tyr, Sora und Ineluki angriffen. Tyr wurde sofort bewußtlos, doch der Wolf stellte sich schützend vor ihm und wehrte den Vampir ab.
Sora hatte weniger Glück. Der Vampir schlug sie zu Boden und fing sofort an, sie auszusaugen. Ineluki konnte zumindest eine kurze Zeit dem Vampir Paroli bieten, bis auch sie schließlich fiel. Ihr muß der Wassergeist zu Hilfe gekommen sein, denn sonst wäre sie wohl jetzt auch nicht mehr aufgewacht.
Was dann geschah, wußte natürlich niemand mehr. Entweder gab sich die Gestalt am Ufer mit einer Leiche zufrieden, oder die Gegenwehr des Wolfes und des Wassergeistes waren zu groß und er wollte noch eine bessere Gelegenheit abwarten. Wir werden es vielleicht nie erfahren.
Ich war jedenfalls heilfroh, in meiner Kabine übernachtet zu haben!

Noch während Ineluki erzählte, was sie noch von der vergangenen Nacht wußte, verschwand so nach und nach sowohl das Pentagramm auf den Schiffsplanken, als auch von Soras Hals. Die Wirkung dieser Magie schien zumindest nachzulassen.

Nachdem wir unser geringes Wissen ausgetauscht hatten, holten wir Segeltuch aus unserem Vorrat, wickelten Sora darin ein und bestatteten sie im Reik.
Uns war allen ziemlich elend zumute. Ich blieb apathisch an Deck sitzten und bemerkte nur am Rande, daß Ineluki inzwischen wieder die Segel gesetzt hatte und Kurs auf Kemperbad nahm.
Unterwegs fing es an zu nieseln, doch ich blieb einfach sitzen. Bisher war alles eine Art Abenteuer - sicher, wir hatten schon oft dem Tode in Gesicht gesehen, doch daß wirklich einer von uns sterben konnte, daran hatte ich nie geglaubt. Jetzt war der Tod auf einmal so nah - und er konnte jeden von uns treffen, jederzeit. Das Spiel war vorbei und mir war hundeelend.

Gegen Abend bereitete Tyr ein Abendessen zu wie man es selten zu essen bekommt: wohlschmeckend, phantasievoll einfach traumhaft. Vielleicht wollte er uns damit etwas aufmuntern - zumindest für einen kurzen Moment ist es ihm damit auch gelunden!
Dann ankerte Ineluki und ging anschließend nach unten, während Tyr und ich Wache hielten.

Wir unterhielten uns über Kemperbad. Tyr erzählte mir, daß er vor einiger Zeit dort gewesen war und einige Leute kannte. Die ganze Stadt sei korrupt und beherrscht von einer Gilde des organisierten Verbrechens. Jeder Händler und Geschäftstreibene, sogar jeder Medicus muß dieser Gilde Schutzgelder zahlen, um eine Bedrohung des Geschäftes, der Familie oder des eigenen Lebens abzuwenden. Dann deutete er an, daß er den Vorsitzenden dieser Gilde kannte und ich eventuell auch ohne Schutzgeldzahlungen meiner Tätigkeit nachgehen könne.
Je mehr ich allerdings bei Tyr nachfragte, umso mehr reifte in mir die Erkenntnis, daß ich nicht allzu lange in dieser Stadt verweilen möchte.

Gegen Mitternacht ging Tyr schließlich unter Deck und holte Ineluki zur Wache. Ich blieb sitzen - schlafen konnte ich ohnehin noch nicht.
Dann kam Ineluki hoch, doch ein rechtes Gespräch kam nicht auf. Ich war immer noch zu niedergeschlagen.

Auf einmal schoß am Bug eine Wasserfontäne hoch, daß wir beide erschraken und aufschauten. Aber anstatt daß sie wieder in sich zusammenfiel blieb sie einige Meter über dem Bug stehen und schien sogar eine Art Gesicht und Hände zu formen. Ineluki wollte vorgehen, doch ihre Beine versagten den Dienst.
Ich versuchte erst gar nicht aufstehen und schaute nur gebannt auf das Schauspiel.

Kaum hatten sich Gliedmassen und ein Kopf gebildet, schien diese Wassergestalt und Zeichen zu machen. Keine bewegte sich. Langsam bekammen wir das Gefühl, daß dieses Wasserwesen Sora die letzte Ehre erweisen wollte und uns nochmals die Möglichkeit gab, Abschied zu nehmen.

Dann plötzlich fiel die Fontäne in sich zusammen und schlug nur noch als Welle gegen den Bug.
Mir war, als würde mir ein schweres Geicht abgenommen. Ich fühlte mich auf einmal wieder leicht und unbeschwert und es ging mir wieder deutlich besser.
Jetzt fühlte ich auch plötzlich die Müdigkeit und die Anstrengung des vergangenen Tages und fragte Ineluki, ob sie den Rest der Wache auch alleine durchstehen könne. Sie bejahte und so ging ich schnurstracks in meine Kabine und schlief schon bald wie ein Stein.