26. Jahrdrung 2512

Am nächsten Morgen trafen wir uns alle zur verabredeten Zeit in der Gaststube und genehmigten uns ein kräftiges Frühstück. Das Gasthaus war gut besucht und es herrschte ein reges Kommen und Gehen.
Lediglich unsere beiden Kutscher haben sich noch nicht blicken lassen. Als es schließlich deutlich über der vereinbarten Zeit war, fragten wir beim Wirte nach. Doch dieser sagte uns, daß die Kutscher wohl noch schliefen.

Das war doch wohl die Höhe!
Wer nichts verträgt soll auch nicht so viel saufen, sagt ein altes Sprichwort. Das traf hier ja mal wieder den Nagel auf dem Kopfe.
Also gingen wir hoch zu deren Zimmer und polterten laut gegen die Türe.
Nach einiger Zeit hörten wir Stimmen. Die Kutscher kamen vor die Tür, grummelten etwas vor sich hin - es mag sich fast wie eine Entschuldigung angehört haben - und meinten, daß sie nun bald kämen.
Das taten sie tatsächlich. Aber in welch' jämmerlichem Zustand waren sie! Kaum daß sie geradeaus gehen konnten! So kämen wir nie nach Altdorf!

Aber auch jetzt nahm das Schicksal wieder eine Wendung, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Tyr bot sich an, den Wagen zu lenken! In ihm steckten doch weit mehr Fähigkeiten, als ich ihm anfangs zugetraut hätte!
Etwas fragend schaute ich ihn an, aber er nickte selbstsicher und meinte, daß noch etwas mehr gelernt habe als nur Gegner zu töten.
Ich wollte es ihm gerne glauben!

Sodann nahmen die Passagiere im Inneren der Kutsche Platz, während wir - d.h. Sora, Ineluki und ich - uns auf dem Dach niederließen und Tyr mit den beiden Kutschern auf dem Kutschbock Platz nahmen.
Wir kamen gut voran, denn Tyr beherrschte wirklich sein Handwerk.
Die Kutscher wiesen ihm den Weg, wobei es mir schien, als würde es ihnen sehr schlecht gehen, so kreideweiß sahen sie aus.

Wir waren schon ein gutes Stück gefahren - es muß so um die Mittagszeit gewesen sein - da bemerkten wir mitten auf dem Weg eine unheimliche Kreatur. Als wir näher kamen, erkannten wir, daß es sich um eine dieser schrecklichen Mutationen handelte.

Tyr reagierte als erster. Sofort sprang er vom Kutschbock und lief auf dieses Wesen zu. Die Pferde scheuten und rissen sich von der Kutsche los. Mit einem Auge bemerkte ich noch, daß einer der Kutscher sich an den Pferden festhielt und mitgerissen wurde.
Dann reagierte ich. Noch bevor Tyr bei ihm war, warf ich ein Messer auf diese Gestalt - leider daneben!
Verdammt!

Jetzt sprang Ineluki vom Wagen. Ich hörte wie die Passagiere unruhig wurden und bemerkte wie Sora neben mir bewegungslos und voller Angst auf diese unheimliche Kreatur starrte. Doch darum konnte ich mich im Moment nicht kümmern, sondern sprang ebenfalls vom Wagen.
Ineluki kam etwas vor mir bei der schwarzen Gestalt an, aber trotzdem waren wir beide zu spät.
Tyr hatte bereits ganze Arbeit geleistet! Das Wesen lag mit abgetrenntem Arm und weit aufgerissener Seite am Boden und war tot.
Ich holte schnell mein Messer. Sora hatte sich auch wieder gefangen und kam zu uns herab. Wir beschlossen erst mal nach dem Kutscher und den Pferden zu schauen.

Wir verfolgten also die Spur in den Wald. Auf einmal hörten wir ein leises Wimmern.
Hier war noch etwas faul! Vorsichtig näherten wir uns dem Geräusch.

Auf einmal sahen wir auf einer Lichtung eine weitere Kutsche und noch eins dieser furchtbaren Wesen, wie es gerade an einem Menschen fraß! Der Anblick war schauderhaft!
Aber es war nicht allein! Wir zählten ihrer vier - und wir mußten schnell handeln.
Mit gezückten Schwertern liefen wir auf sie zu. Als sie uns sahen liefen vier von ihnen uns entgegen, während sich der fünfte mit einer Armbrust bewaffnet verschanzte.

Ich sah dem auf mich zulaufenden in die Augen. Ich spürte, wie die Angst meine Kehle zuschnürte, aber ich mußte es wagen und warf ein Messer.
Kaum war das Messer aus meiner Hand erhob ich mein Schwert, doch dann sah ich, daß ich diesmal ins Schwarze getroffen hatte. Das Messer steckte mitten in seiner Stirn. Die Mutation machte noch einen Schritt in meine Richtung, schaute mich aus seinen schwarzen Augen ungläubig und haßerfüllt an und fiel dann nach vorne und starb.

Mit zitterten die Knie, doch dafür war jetzt keine Zeit. Ich blickte neben mich uns sah gerade, wie Tyr den auf ihn zurennenden schwarzen Krieger mit einem gewaltigen Hieb beinahe teilte. Auch dieser brach schon allein unter der Wucht des Schlages auf der Stelle zusammen und war sofort tot.
Der Dritte hatte es auf Sora abgesehen, doch auch er hatte kein Glück. Mit dem ersten Schlag streifte sie die Gestalt zwar nur, konnte aber auch seinem Angriff gewandt ausweichen.
Ihr zweiter Hieb dagegen war tödlich: Sie durchtrennte seinen Schlagarm und schlug durch bis in seine Brust. Schwer getroffen sank das schwarze Wesen zusammen.

In der Zwischenzeit hatte sich Ineluki hinter uns gehalten und lief nun an mir vorbei, um zu dem Armbrustschützen zu gelangen.
Ich hielt dies ebenfalls für eine gute Idee und wollte mich gerade in ihre Richtung bewegen, als mich etwas hartes in meiner Schulter traf.

Der Armbrustschütze! Ein heißer Schmerz durchzuckte meinen Körper. Wutentbrannt wollte ich auf den Schützen losstürmen, als ich bemerkte, daß Tyr schon bei ihm war.
Langsam gewann meine Vernunft wieder die Oberhand. Ich schaute mir kurz die Wunde an und stellte fest, daß sie zum Glück nicht so schlimm war, wie es zunächst schien. Die Schulter schmerzte zwar noch heftig, aber ansonsten war nichts ernsthaftes passiert. Als ich wieder hoch schaute, sah ich, daß Tyr auch mit dem Schützen einen kurzen Prozeß gemacht hat. Die Gestalt lag irgendwie verdreht in einer riesigen Lache Blut und wirkte sehr leblos.

Es war an der Zeit sich hier mal etwas umzusehen. Vielleicht gab es ja unter den Passagieren noch den ein oder anderen Überlebenden und ärztliche Hilfe war notwendig.
Ineluki rief mir zu, daß etwas entfernt von der Kutsche noch eine Person läge, die sich vielleicht noch bewegen würde. Wir liefen zusammen hin. Dort angekommen, bemerkte ich eine längere Blutspur und eine große Blutlache, in der die Person mit dem Kopf nach unten lag. Scheinbar war sie schwer getroffen noch das ganze Stück davon gekrochen.

Dann drehte ich die Person um, damit ich sie untersuchen konnte - und uns stockte der Atem.
Ich sah mir förmlich ins Gesicht.
Ich wurde kreidebleich. Auch Ineluki sah ihn fassungslos an. Hatte ich etwa einen Bruder, oder zumindest gehabt? Diese Person war mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Oder hatte das alles mit diesen furchtbaren Kreaturen zu tun und auch diese Person hatte bereits Wucherungen in sich?
Das ließ sich ja zumindest herausfinden. Ich sagte Ineluki, daß ich diese Person genauer untersuchen möchte. Ineluki ging daraufhin wieder zurück zu den anderen, um ihnen zu helfen.

Ich untersuchte die Person zunächst oberflächlich (sie war tatsächlich tot), fand dabei in seiner Tasche zwei Dokumente, die ich kurzerhand an mich nahm, entkleidete sie dann und machte schließlich eine kurze Obduktion.
Ich fand jedoch nichts. Es war wirklich ein ganz normaler Mensch, mit der einzigen Besonderheit, daß er mir geradezu unglaublich ähnlich war. Kastor Aloysius Lieberung

 

Aber vielleicht gab es ja in den Dokumenten einige Hinweise.
Ich überflog sie kurz, doch was ich las warf mehr Fragen auf, als das es Antworten gab.
Wenn dies mein Bruder war, dann hätte auch ich ein Anrecht auf diese Ländereien. Zumindest sahen wir uns ja ziemlich ähnlich. Auf der anderen Seite habe ich diesen Namen, Kastor Aloysius Lieberung noch nie gehört und auch Dr. Sulimann hatte nie etwas von einem Bruder erzählt.
Dennoch beschloß ich, daß mir diese Sache in Bögenhafen mal ansehen würde.

Inzwischen kam auch ein Wachtrupp vorbeigeritten, den wir anhielten und kurz informierten.
Sie halfen uns bei der Bestattung der Leichen und verbrannten die finsteren Kreaturen. Schließlich sahen wir noch den Kutscher, wie er leicht verletzt wieder aus dem Wald kam, seine Pferde fest in der Hand. Nachdem die Kutsche wieder eingespannt war und alle Passagiere Platz genommen hatten, verabschiedete sich der Wachtrupp und wir fuhren weiter in Richtung Altdorf.

Gegen Abend erreichten wir ohne weitere Zwischenfälle das letzte Rasthaus vor Altdorf.
Wir verließen gerade die Kutsche, als Tyr von einem etwas geckenhaft gekleideten Mann leicht hochnäsig angesprochen wurde. Vermutlich war dieser Mann ein Adliger oder so etwas; zumindest wußte ich noch genau, wie mich mein Meister vor diesen Leuten gewarnt hatte. "Gehe nie", sagte er, "gehe nie auf eine Provokation dieser Leute ein. Du ziehst immer den kürzeren!".

Dies wußte Tyr scheinbar noch nicht, denn er ließ sich auf eine Diskussion ein. Ein Wort ergab das andere und ehe der Adelige sich versah, gab Tyr ihm eine saftige Ohrfeige.
Das gab noch Probleme, dessen war ich mir sicher!
Der Adelige ging stolzen Schrittes von dannen während wir uns über die Situation kurz unterhielten. Dann gingen auch wir in das Gasthaus.

Die Stube war gut gefüllt. Es ging recht lebhaft zu.
An einem Tisch sahen wir zwei Halblinge oder Hobbits, wie sie sich selbst nennen, vor einer schier unglaublichen Menge an Tellern, Schüsseln und Krügen, gefüllt mit allerlei Leckereien: Hähnchenschenkel, Gänseklein, Suppe, Kartoffeln, Braten, allerlei kalte Gerichte, Brot und Butter. Vor jedem stand ein riesiger Krug Bier.
Es war mir völlig schleierhaft wie nur zwei Personen diese riesigen Portionen essen können. Aber sie hatten einen sichtlich großen Appetit.

Kaum hatten wir uns am letzten freien Tisch niedergelassen, da kam schon die Bedienung und nahm unsere Bestellung auf.
Während wir auf unser Essen und die Getränke warteten, bemerkten wir, daß dieser Geck, den Tyr geohrfeigt hatte, mit einem Wachmann sprach.
Kurz darauf kam dieser mit dem Adeligen an unseren Tisch. Er zeigte auf Tyr: "Er war's! Dieser Unmensch hat mich beinahe umgebracht!". Der Wachmann sprach Tyr an, doch als er beinahe wieder die Beherrschung verlor, griffen wir ein.
Schließlich einigte man sich auf eine Strafe von 50 Kronen, die Tyr allerdings von Ineluki leihen mußte.

Ich war froh, daß die Sache noch so glimpflich ausgegangen war. Gut, 50 Kronen sind eine Menge Geld, aber andernfalls wäre Tyr erstmal in Arrest genommen worden.
Wir wissen zwar immer noch nicht, was genau eigentlich die Aufgabe unserer Gruppe war, aber daß Tyr schon zu diesem frühen Zeitpunkt die Gruppe verlassen sollte, war sicherlich nicht von Dr. Morgenes geplant!

Nach diesem unerfreulichen Zwischenfall kam schließlich unser Abendessen und wir ließen es uns schmecken.
Die Halblinge haben inzwischen einige Nachspeisen auftischen lassen und aßen gemächlich, aber mit einer unglaublichen Ausdauer weiter.

Nach dem Essen tranken wir noch ein wenig und unterhielten uns über die Ereignisse des Tages. Selbst die Hobbits wurden langsam fertig, tranken aus und gingen auf ihre Zimmer. Ich glaube langsam, der Gott der Wirtsleute hat die Hobbits erschaffen.
Bald wurden auch wir müde und legten uns in unseren Stuben schlafen.