25. Jahrdrung 2512

Am nächsten Morgen gab noch vor dem Frühstück einen kleinen Zwischenfall. Allerdings war dieser wohl eher delikater Natur. Tyr (eigentlich Ti'Dyr, aber daran muß ich mich noch gewöhnen) und ich standen etwa gleichzeitig auf und wollen uns waschen, da sahen wir Ineluki völlig unbekleidet am Brunnen stehen. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Diese Anmut, diese Grazie - so fremdartig und doch so schön. Tyr hätte sich ohne viel Federlesens über Ineluki hergemacht, wenn nicht Dr. Sulimann gekommen und Ineluki etwas übergezogen hätte. Ich glaube, er hat sie noch ermahnt, sich nicht so frei in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Das anschließende Frühstück war gut, wenn auch die Stimmung nach wie vor sehr bedrückt war.
Nachdem aber uns allen immer noch nicht klar war, was wir eigentlich zu tun hatten, wollten wir mit Dr. Sulimann das Ziel unserer Reise besprechen. Leider konnte er uns auch nicht weiterhelfen, sondern verwies uns nur darauf, was Dr. Morgenes tags zuvor gesagt hat.
Dann wollte er sich verabschieden.

Fassungslos schaute ich ihn an. Ich war wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß uns mein Meister auf unserer Reise begleiten würde. Doch Dr. Sulimann sagte uns, daß er dringend in den Norden müsse und unser Weg ja nach Süden führe.
Ich hatte noch so viele Fragen, aber mein Meister winkte ab und sagte, daß sich alles schon erklären würde. Zudem kenne auch er nicht die Antworten auf alle meine Fragen.
Dann verließ er uns.

Ratlos standen wir da. Dann tauchte plötzlich Lenty auf und machte zu Sora einige Zeichen.
"Wir sollten langsam los zur Radscheh-Linie" übersetzte sie uns.

Was sollten wir schon tun? Niemand kannte die Aufgabe, das Ziel. Was wird und erwarten?
Auf jeden Fall beschlossen wir, den Weg zu beginnen.
Und so führte uns Lenty unermüdlichen Schrittes bis zur Kutscher-Station der Radscheh-Linie.

Dort verabschiedete sich nun auch Lenty. Von jetzt an waren wir also ganz auf uns allein gestellt.
Was waren wir doch eine seltsame Gruppe! Wir kannten uns alle nicht einmal eine Woche, wußten nichts voneinander und hatten dennoch schon die eigenartigsten Erlebnisse miteinander geteilt.
Hinzu kam, daß mein Meister der Onkel von Sora, der Freund meines Meisters, Dr. Morgenes ein Freund - oder was auch immer - der Ziehmutter von Ineluki war und zusätzlich auch Tyr kannte.
Mir brummte der Kopf. Irgendwann würde ich es vielleicht verstehen, aber an jenem Abend war das alles noch etwas zuviel.

Nachdem Lenty gegangen war, wollten wir gerade in das angeschlossene Gasthaus gehen, als uns beinahe eine Kutsche überfahren hätte. Die muß es aber sehr eilig gehabt haben!
Als der erste Schreck vorbei war, setzten wir also unseren Weg ins Gasthaus fort.

Ich erkundigte mich als erstes nach einer Fahrt mit der Radscheh-Linie in Richtung Altdorf und wurde dabei zwei Kutscher verwiesen. Nur wenig später hatten wir einen Preis ausgehandelt, den ich sogleich entrichtete.
Als ich dies dem Rest der Gruppe berichtete, wollte Tyr noch die Kutsche in Augenschein nehmen. Etwas widerwillig zeigten uns die beiden Herren ihre Kutsche.
Tyr schien etwas von diesem Gewirr aus Holz und Stangen zu verstehen, denn nach einiger Zeit sagte er zu uns, daß dies zwar nicht mehr die neueste Kutsche sei, aber uns dennoch bis Altdorf bringen würde.
Dann gingen wir zurück ins Gasthaus und aßen zu abend.

Nach dem Essen reservierten wir uns Zimmer für die Nacht.
Etwas Sorge bereiteten uns allerdings die angeheuerten Kutscher, denn ihr Durst schien kein Ende zu nehmen. Gerade wollten wir uns erheben und die Kutscher auf ihre morgige Aufgabe hinweisen, da kam ein gutgekleideter, scheinbar recht wohlhabender Mann an unseren Tisch und wollte uns zum Glücksspiel einladen.
Wir lehnten alle freundlich ab (scheinbar vertraut niemand in unserer Runde allzu sehr dem Würfel), doch der Mann ließ nicht locker. Dann fragte Sora, ob er nicht etwas über Kräuter wisse. Sein Grinsen wurde plötzlich immer breiter als er antwortete, daß er noch einige Bücher oben in seinem Zimmer habe. Sie müsse nur mit hoch kommen.

Jetzt war ich mir sicher, daß es sich um einen Adeligen handelte. Nur diese erlauben sich solche Unverfrorenheit einer Dame gegenüber. Sein Begehr war ja wohl offensichtlich.
Um so mehr war ich erstaunt, als Sora auf sein Angebot eingehen wollte!
Auf einmal redeten alle durcheinander. Dieser Schönling schien seine Chance zu wittern und wir wollten Sora von ihm fern halten.
Nach einem längeren hin und her wies auch Sora ihn ab und der Mann verließ unseren Tisch. Wir unterhielten uns noch eine Weile über den Vorfall und gingen dann auf unsere Zimmer.
Voll von neuen Erlebnissen schief ich nach kurzer Zeit ein.