24. Jahrdrung 2512

Am nächsten Morgen machten wir uns alle nur kurz frisch, tranken etwas und schon ging es weiter.
Landy legte wie schon am Tage zuvor ein ordentliches Tempo vor. Schweigsam folgten wir ihm so gut es ging. So langsam machte ich mir Sorgen um meinen Meister; er war schon ziemlich außer Puste.
Irgendwann wichen wir vom Weg ab und liefen querfeldein durch den Wald. Jetzt wurde es wirklich anstrengend. Alle ächzten und stöhnten - mit Ausnahme von Landy. Dieser Mann war wirklich unbegreiflich.

Plötzlich machte Landy uns ein Zeichen stehen zu bleiben und uns ruhig zu verhalten. Wir waren zwar ohnehin nicht gerade laut, aber seine energische Geste ließ uns sofort verstummen.
Auf einmal sahen wir ein Wesen wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Mir lief ein eiskalter Schauer den Rücken herunter. Es war eine schwarze Kreatur - kalt, dunkel und gefährlich. Sie hatte lange Krallen und eine schuppige Haut. Überall waren Auswüchse und Mutationen - ich war starr vor Angst.
Aber es schien zu fliehen. Beinahe angstvoll heftig wendete es seinen Kopf und rannte weiter, zum Glück an uns vorbei. Dabei standen wir nicht einmal 200 Meter entfernt.

Und dann wußte ich wovor es davonlief.

Es was das absonderlichste Ding, oder wie auch immer man es bezeichnen mag, was ich je gesehen habe! Das Wesen war wie eine Ansammlung von Luftwirbel, Stürmen, Windhosen. Ein heftiger Wind erfaßte auch uns.
Auf einmal lösten sich drei Wirbel von ihm, rasten in unglaublicher Geschwindigkeit auf das dunkle Wesen zu und erfaßten es. In dem Moment schoß eine Kugel konzentrierter Luft auf die Mutation des Chaos und zerstörten es.
Fleischfetzen, Knorpel, Gliedmassen und fremdartige Auswüchse flogen umher. Ich stand wie versteinert.

Auf einmal bewegt sich dieses Luftwesen in die Richtung meines Meisters. Ich wollte schreien und Dr. Sulimann warnen, aber mir kam kein Ton über die Lippen.
Es erreichte meinen Lehrmeister. Wie ein Wirbelwind umschloß es ihn und es schien, als würde eine Art Kopf sich zu Dr. Sulimann herunter beugen. Wir alle standen da und schauten. Niemand konnte - oder wollte - etwas tun. Mir war hundeelend. War dies das Ende meines Meisters?

Plötzlich ging ein scharfer Wind und das Wesen verschwand so schnell wie es gekommen war. Ich wollte gerade aufatmen, da rennt mein Meister völlig panisch in nördliche Richtung durch den Wald. Ich machte mir große Sorgen. Vielleicht hat Dr. Sulimann ja irgend etwas abbekommen.
Es gibt ja die merkwürdigsten Dinge! Aber zumindest war er noch am Leben - das war erst mal das Wichtigste!

Wir rannten jedenfalls alle hinterher. Nach kurzer Zeit kamen wir plötzlich an eine Lichtung. Wir waren alle ziemlich außer Atem. (Naja, fast alle waren atemlos; Landy hat dieser kurze Sprint mal wieder nichts ausgemacht!)
Als ich dort ankam, bemerkte ich, daß die Lichtung eigentlich ein Dorf war. "War" trifft die Sache auch ziemlich gut, denn praktisch alle Häuser waren niedergebrannt, unzählige verkohlte Leichen lagen über den Platz - vermutlich einmal ein Marktplatz - verteilt und überall diese dunkle Kälte und der Geruch des Todes.
Einfach grauenhaft!

Noch im Augenwinkel sah ich zwei ebenfalls höchst eigenartige Wesen: eines ganz aus Erde, massiv, mindestens vier oder fünf Meter hoch, ein anderes ganz aus Flammen, bestimmt genauso groß und beide schlugen (ich weiß nicht wie ich es anders beschreiben soll) wütend und mit einer unglaublichen Kraft (bzw. Hitze) auf zwei am Boden liegende schwarze Kreaturen.
Ich schenkte diesen jedoch keine besondere Beachtung, denn in diesem Moment schrie Dr. Sulimann "Mein Vater!" und rannte Hals über Kopf in eine der Hütten.
Ich folgte ihm natürlich auf dem fuße und so taten es auch alle anderen.

In der Hütte stand eine Frau, wenig bekleidet und wunderschön anzusehen - wenn auch etwas fremdartig. Wäre da nicht meine große Sorge um meinen Meister gewesen, es wäre mir schwergefallen, den Blick von ihr abzuwenden.
Sie hatte so eine adelige Art, aber ohne dabei hochnäsig zu sein. Und dann war mir auf einmal alles klar! Diese Ohren! Das war eine Hochelfe! Ich hatte bislang nur in Geschichten von ihnen gehört und nun stand dieses bezaubernde Wesen vor mir. Mit einem Ohr erfuhr ich, daß sie Ineluki genannt wurde. Aber ich war zu aufgewühlt durch die Umstände und mein Blick glitt weiter durch den Raum. Ich bemerkte einen gedeckten Tisch in der Mitte des Raumes, etwas am Boden zerbrochenes Geschirr und - mir stockte der Atem: Dr. Morgenes!!!
Er lag halb am Tisch; ein Schwert mit einer schwarzen Klinge durchbohrt seine Seite. Etwas Blut tropfte aus seiner Wunde. Höchst absonderlich war jedoch, daß jeder Tropfen, der die Klinge streifte, verdampfte!

Ich wollte sofort zu ihm hin laufen, um ihm zu helfen. Aber kaum bemerkte er es, rief er mir schon zu: "Halt! Keinen Schritt weiter!"
Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich schaute zu meinem Meister, doch er nickte. Ich fühlte mich so hilflos.
Irgend etwas mußte man doch für ihn tun können!

Plötzlich fing Dr. Morgenes an zu sprechen. Er sagte, daß er nicht mehr viel Zeit habe und wir ihn nicht unterbrechen sollten. Aber wir wollten ihm doch nur helfen! Ich habe mich noch nie so machtlos und gleichzeitig so wütend gefühlt. Wozu war ich denn Arzt!!

Dr. Morgenes erzählte, daß das Chaos sich wieder ausbreitet. Es kam von Norden und hat wohl auch das Dorf von Sora Mangora vernichtet. Er sprach von einem Bund, dem wir angehörten und von einer Aufgabe. Er sagte, wir müssen nach Süden, nach Altdorf.
Und er sagte noch, wir sollen die Radscheh-Linie nehmen, daß wäre sehr wichtig.
Plötzlich redete jeder. Was wir dort sollen, fragte einer, was der Bund sei ein anderer. Ich wußte nicht einmal genau, was er mit dem Chaos meinte. Sicher, ich kenne diese Mutationen und Auswüchse kranker Menschen. Dr. Sulimann hat sie oft genug mit mir seziert, beobachtet und schließlich verbrannt. Ich glaube, er hat ziemlich viel daran geforscht.

Dr. Morgenes hub uns an zu schweigen. Er wisse auch keine Antworten auf alle Fragen. Die Zeit, sagte er, die Zeit wird alles zeigen und dann werden wir auch unsere Aufgabe erkennen.
Dann zeigte er noch auf Tyr und sagte, daß er noch etwas vergessen habe. Dann murmelte er etwas, Tyr besah sich seinen Ring und sagte, nun wisse er, warum er immer Wolf genannt wurde.
Ich wollte ihn gerade fragen, da zeigte Dr. Morgenes auch auf mich, sprach einige Worte in einer fremden Sprache und auch ich besah meinen Ring. Auf einmal war im Rot des Rubins eine weiße Taube zu sehen, das Wahrzeichen der Göttin Shallya!
Das war jetzt doch etwas zuviel für mich. Dr. Morgenes ein Zauberkundiger und der Vater von Dr. Sulimann, Alioscha Sulimann, meinem Meister? Langsam fragte ich mich, in was ich hier hinein geraten bin.
In dem Moment fing Dr. Sulimann an zu weinen.

Aber mir blieb keine Zeit zum Nachdenken. Mit großer Mühe erhob sich Dr. Morgenes und ging hinaus. Wir folgten ihm geschlossen.
Er ging zu dem Erdwesen hin. Dieses riesenhafte Wesen zog nun Dr. Morgenes die Klinge aus der Seite und steckte sie sich selbst in den Arm. In dem Moment wurde der Arm schwarz und diese unheimliche Schwärze breitete sich über seinen gesamten Körper aus. Ungläubig starrten wir alle dieses mächtige Erdwesen an.
Als schließlich sein ganzer Körper von dieser Schwärze überzogen war, fiel es in sich zusammen und es blieb nur ein schwarzer Fleck auf der Erde.
Das war schon sehr seltsam. Aber das schlimmste kam noch.

Dr. Morgenes ging zu einem aufgeschichteten Haufen Holz und stellte sich darauf.
Und dann begriff ich. Es war ein Scheiterhaufen! Ich wollte losschreien, aber ich bekam keinen Ton über die Lippen.
Dann stürzte sich das Feuerwesen auf Dr. Morgenes und verbrannte mit ihm.

Ich fing an zu weinen. Ich stand da, fühlte mich matt und schwach, hilflos, nutzlos.
Nach einer Weile gingen wir alle bis auf Ineluki zurück in die Hütte. Die Stimmung war sehr gedrückt. Keiner sagte ein Wort. Lediglich Tyr schien der Tod Dr. Morgenes nicht ganz so getroffen zu haben. Aber im nachhinein konnte ich es ihm nicht verübeln. Er war mit dem Tod aufgewachsen und kannte zudem Dr. Morgenes kaum.

Ineluki war inzwischen hereingekommen. Ihre Augen waren gerötet. Ihr war der Schmerz über den Verlust deutlich anzumerken. Ich nickte ihr nur zu.

Inzwischen war es Abend geworden. Tyr, Dr. Sulimann und Landy aßen etwas.
Ich konnte keinen Bissen herunterbringen. Tyr trank noch ein oder zwei Beutel Wein und schlief dann nach einer Weile ein.

Landy dagegen holte wortlos sein Schwert aus der Scheide, trennte den kleinen Finger von seiner Hand und warf ihn ins Feuer. Dann legte auch er sich schlafen.
Fragend sah ich Ineluki an. Sie erklärte mir, dies sei aus Wut über seine Unfähigkeit und dafür, daß er zu spät gekommen sei. Er blieb für mich ein Rätsel.

Dann legte auch ich mich schlafen.