At home

23. Jahrdrung 2512

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem alles begann.

Es war noch früh im Jahr - wir hatten den 23.02.2512 und die Nachwirkungen des Winters waren noch deutlich zu spüren. Viele unserer Patienten litten an Erkältung, Husten, Heiserkeit. Bei manchen, vor allem den Älteren kam oft noch das Zipperlein hinzu. Alles in allem konnten wir uns vor Arbeit kaum retten.

So war es auch an diesem Tag. Mein Meister, Dr. Sulimann wollte zum ersten Mal mit mir in die nördlichen Gebiete fahren, da dort wohl besonders viele Menschen erkrankt sind. Ich war ziemlich aufgeregt - in diesem Landstrich war ich noch nie!

Aber dann kam alles doch ganz anders, denn kaum waren wir am Frühstückstisch flog dieser merkwürdige Sperling zum Fenster hinein und hüpft ganz aufgeregt vor Dr. Sulimann.
Ich kannte diese Sperlinge bereits, sie brachten meist eine Botschaft von Dr. Morgenes. Ich weiß zwar bis heute nicht, wie Dr. Morgenes die Sperlinge überredet hat zu uns zu fliegen, aber Dr. Morgenes ist sowieso ein recht eigenartiger Mensch.
Nun ja, mein Meister las jedenfalls diese Nachricht und ... plötzlich wurde er ganz weiß im Gesicht, daß mir Angst und bange wird.

Sofort ordnete er den Aufbruch an.
Ich dachte mir noch, die Erkrankungen im Norden sind wohl doch schlimmer als erwartet. Aber schon nach kurzer Zeit wurde mir klar, daß unser Ziel nicht mehr im Norden lag, und daß es um etwas ganz anderes ging - wobei ich nicht die geringste Idee hatte, um was!!!
Wir beendeten nicht einmal unser Frühstück, so schnell ging alles plötzlich. Ich bemerkte noch, daß Rachel plötzlich weinte (scheinbar sogar um mich!) und Dr. Sulimann sie beruhigte.
Nun ja, mir war das alles noch sehr schleierhaft - sooo schlimm konnte es nun auch nicht werden. Das dachte ich zumindest damals!

Aber ich bin ja schon mitten in meiner Geschichte! Und dabei habe ich mich noch nicht einmal vorgestellt.
Also, ich bin Heren Tudor. Na ja, eigentlich sogar Dr. Heren Tudor, aber daran kann ich mich noch nicht so recht gewöhnen, schließlich habe ich erst vor einem halben Jahr die Prüfung abgelegt und bin - das weiß Shallya am besten - noch unendlich weit von den unglaublichen Fähigkeiten meines Meisters entfernt.
Tja, und sonst gibt es eigentlich nicht viel mehr von mir zu erzählen. Ihr werdet den Rest schon im Laufe der Geschichte mitbekommen. (Besonders befähigte - oder sollte ich sagen 'neugierige'? - können hier mehr über mich erfahren).
Nun aber weiter in meiner Erzählung.

Kaum waren wir aus dem Haus, sah ich zwei sehr eigenartige Gestalten am Waldrand, vielleicht 200-300 Meter von uns entfernt. Ich wollte gerade etwas sagen, da winkte mein Meister diese Gestalten zu uns herbei. Gerade so als ob er sie schon kennen würde! 

Sora Mangora


Als sie näher kamen, erkannte ich eine gutaussehende Frau und einen recht finster aussehenden Mann. Bei uns angekommen, stellte sich die Frau als "Sora Mangora" vor. Sie stammte aus einem dieser Dörfer im Norden und ist den ganzen Weg zu uns gelaufen. Irgend etwas furchtbares mußte passiert sein. Aber wir hatten nicht mehr Zeit uns noch länger zu unterhalten, denn mein Meister drängte bereits.

Ach ja, Sora war nicht nur gut aussehend, sondern auch ordentlich gerüstet. Immerhin trug sie neben einem Bogen und einigen Pfeilen noch ein scharfes, glänzendes Schwert und ein Kettenhemd! Der Mann, Sora nannte ihn "Landy" dagegen war sehr wortkarg - naja, eigentlich sagte er überhaupt nichts. Er unterhielt sich immer nur in dieser äußert seltsamen Zeichensprache, die mein Meister aber auch verstand!
Dr. Sulimann wurde mir immer fremder. Ich meine, ich wußte ja, daß er über viele Fähigkeiten verfügt und ein geradezu begnadeter Arzt ist, aber mit jeder Minute kamen plötzlich neue, mir unbekannte Fähigkeiten hinzu!

Aber ich schweife ab. Gerade wollen wir losgehen, da sehe ich noch, wie Rachel den Einspänner aus der Scheune holt, den Wagen mit dem allernötigsten belädt, unser Haus anzündet und schleunigst davon reitet ohne sich noch einmal umzuwenden!
Fassungslos stand ich da und schaute auf mein brennendes Zuhause. Gerade wollte ich etwas sagen, da zog mich schon Dr. Sulimann und wir liefen los in Richtung Carroburg.

Bereits nach wenigen Stunden erreichen wir Carroburg, denn wir sind den ganzen Weg sehr schnell gegangen. Ich hatte schon Angst um Dr. Sulimann, aber er hielt erstaunlich gut mit.
Landy allerdings war mir ein Rätsel. Er war kein bißchen außer Puste. Geradeso als ob er einen gemütlichen Festagsspaziergang gemacht hätte! Ich hätte ihm nicht so schnell vertraut wie mein Lehrmeister. Aber er wird's schon wissen!

Kaum in Carroburg angekommen, verbeugt sich Landy, macht ein paar Zeichen und verschwindet. Ich meine, er verschwindet wie ein Schatten, auf den Licht fällt - einfach unheimlich der Mann.
Dr. Sulimann wußte scheinbar genau auf wen wir warteten.
Ich hatte wie immer keine Ahnung, aber irgendwie war mir das auch alles zuviel, daher fragte ich ihn erst gar nicht. Der Tag hatte schon höchst seltsam begonnen - doch wie sollte er erst enden!

Ich nutzte jedenfalls die Zeit, mich etwas näher mit Sora zu unterhalten. Dabei erfuhr ich, daß mein Meister, Dr. Sulimann, der Bruder der Mutter von Sora ist - Sora also die Nichte meines Meisters! Oder anders gesprochen ist mein Lehrmeister der Onkel von Sora.
Ich war fassungslos! Das war einfach zuviel. Ich glaube hier war der Zeitpunkt, wo ich einfach alles hinnahm, egal wie seltsam es auch war. Ich meine, es gab schon oft Tage, an denen ich sehr viel gelernt habe, an denen ich die seltsamsten Dinge von meinem Meister erfahren habe. Aber das waren MEDIZINISCHE Dinge. Das war eine mir bekannte Welt.
Aber die Ereignisse des heutigen Tages übertrafen doch das alles.
Und der Tag war noch nicht am Ende!

Landy tauchte plötzlich wieder auf und mit ihm eine neue Person: groß, sehr muskulös - und SEHR vernarbt im Gesicht (mehr konnte ich nicht sehen). Er trug einen Kettenmantel und ein riesiges Schwert am Rücken. Er wirkte ziemlich bedrohlich.
Auf einmal rannte er auf mich zu und rief, daß er sein Geld wolle. Ich wußte überhaupt nicht was los war, aber wurde ganz anders zumute. In dem Moment war Dr. Sulimann ihm einen Geldbeutel zu. Er fing ihn und Dr. Sulimann erklärte kurz, daß nicht ich sondern er der war, den er suchte.
Ich wußte nicht im geringsten, was hier gespielt wurde.

Nachdem dieser Hüne sein Geld hatte, stellten wir uns gegenseitig vor.
Ich erfuhr, daß sich dieser Riese "Tyr" nennt. Seinen ganzen Namen konnte ich mir nicht merken - es war einfach schon zuviel passiert an diesem Tage. (Erst viel später wurde mir sein ganzer Name "Ti'Dyr" auch geläufiger).
Auf jeden Fall bekam ich mit, daß ihm sein Geldbeutel gestohlen wurde, um ihn hierher zu locken! Und mein Meister hat irgendwie damit zu tun!!!
Dann sagte Dr. Sulimann zu Tyr, daß er seinen Ring zeigen solle und nannte ihn dabei "Wolf".

Ich war - schon wieder mal - perplex. Er hatte den gleichen Ring wie ich!
Auf einmal wurde Tyr mir etwas sympathischer. Zumindest diesen Ring hatten wir gemeinsam.
Aber es gab noch etwas gemeinsames. Er war genauso überrascht von den Ereignissen wie ich. Und er hatte keine Ahnung, warum er immer wieder "Wolf" genannt wurde!.

Wir unterhielten uns kurz und dabei erfuhr ich (auch wenn Tyr es nicht direkt sagte), daß Tyr für Geld auf Leben und Tod gekämpft hat. Verbotene Kämpfe!
Er ist scheinbar unter sehr schwierigen Umständen aufgewachsen - er sagte, er sei in der "Gosse" groß geworden - und weiß kaum noch etwas von seinen Eltern. Nun ja, mir geht es ja irgendwie ähnlich - ich weiß überhaupt nichts von meinen Eltern. Wobei mich das nicht so sehr stört, Dr. Sulimann war immer ein guter Vater für mich.
Jedenfalls muß Tyr ziemlich gut sein, denn er hat schon eine Vielzahl an Kämpfen hinter sich gebracht und lebt immer noch! Nur die ärztliche Versorgung seiner Wunden nach dem Kampf muß katastrophal gewesen sein, nachdem ich mir seine Narben genauer angesehen habe.
Ich glaube, daß hätte sogar ich besser gekonnt - geschweige denn mein Meister!

Landy und Dr. Sulimann unterhielten sich in der Zwischenzeit in dieser merkwürdigen Zeichensprache und nach einiger Zeit drängte uns Dr. Sulimann zum Aufbruch.
Nun sollte es doch noch in Richtung Norden gehen! Aber inzwischen ist mir klar: Um eine Erkältungswelle ging es ganz sicher nicht mehr!

Wir liefen durch den Wald, wobei Landy wie schon auf dem Weg nach Carroburg ein ordentliches Tempo vorlegte. Unterwegs machten wir zu Mittag kurz Rast und schon ging es weiter.
Gegen Abend, als es dunkel wurde, suchte Landy eine geeignete Raststelle und forderte uns auf zu ruhen. Wir aßen noch ein wenig und dann legten wir uns schlafen.
Ich war ziemlich erschöpft und meinem Meister ging es auch nicht viel besser - obwohl ich sagen muß, daß er sich für sein Alter erstaunlich gut gehalten hat.
Landy dagegen war vollständig ausgeruht. Er lehnte er sich nur an einem Baumstamm und schlief ein.
Dieser Mann war mir ein komplettes Rätsel.