19. Sigmarzeit 2512

Morgens war ich schon früh im Labor und begann wieder mit der Herstellung von Schwarzpulver. Tyr machte Frühstück - nicht ohne dabei auch den gerechten Anteil der Fische zu vergessen - und bald schon trafen wir uns alle in der Kombüse und aßen gemeinsam.
Nach dem kurzen, aber schmackhaften Mahl ging alsbald jeder wieder seiner Beschäftigung nach.

Wir waren noch nicht allzu lange unterwegs, da rief Ineluki uns alle herauf. Ich kam - wenn auch etwas widerwillig, da ich sehr ungern ein solch nicht ganz ungefährliches Experiment alleine ließ. Aber was ich dann sah, erfüllte mich mit Staunen.
Aus einiger Entfernung erkannten wir einen Turm, auf dessen Spitze ein Gerüst aufgebaut war. Es sah aus wie ein noch nicht fertiges Gebäude - viele Holzbalken und Verstrebungen - so als ob der Turm nach oben hin erweitert würde. Allerdings war dies nicht alles, denn innerhalb dieser Außenkonstruktion war ein merkwürdiges Gestell eingebaut, dessen Sinn uns allen jedoch völlig fremd blieb.
Um diese sehr kompliziert anmutende Konstruktion herum arbeiteten eine Vielzahl Zwerge, alle sehr beschäftigt und scheinbar wohl wissend, was sie dort taten.

Als wir etwas näher heranfuhren, sahen wir am linken Ufer einen Landungssteg, auf einmal zwei Zwerge standen und uns zuriefen, wir sollen auf sie warten und sie mitnehmen.
Sofort begannen wir zu diskutieren. Ich hatte prinzipiell nicht gegen Zwerge, aber Ineluki weigerte sich strikt, Zwerge an Bord zu lassen. Es ging hin und her bis auf einmal die beiden Zwerg in den Fluss sprangen und versuchten in unsere Richtung zu paddeln.
Ich war höchst erstaunt, denn ich hatte noch nie gehört, daß Zwerge schwimmen konnten. Nun - sie konnten es auch nicht, und drohten schon bald unterzugehen.

Jetzt war guter Rat teuer - und wir mußten schnell entscheiden.
Schließlich gab Ineluki nach und wir fuhren den beiden entgegen. Ich sprang ind Wasser und holte mit Tyrs Hilfe beide an Bord.
Völlig außer Atem bedankten sie sich und stellten sich als Dhingrimm und Belegol vor. Ansonsten stellten sie sich als eher wortkarg heraus.

Gerade wollten wir weiterfahren, da tauchte noch ein weiterer Zwerg am Landungssteg auf, sah die beiden Zwerge an Bord und rief zu uns herüber, daß wir sofort die beiden Arbeiter wieder zurückbringen sollen. Es seien schließlich seine Arbeiter und sie wären feige geflohen. Und überhaupt, wie wir eigentlich dazu kämen, ihm einfach seine Arbeiter wegzunehmen.

So etwas regte natürlich Widerstand in uns. Wir hatten zwar eigentlich überhaupt nichts mit den Zwergen zu schaffen, aber befehlen ließ sich keiner von uns gerne. Also erklärten wir ihm, daß er sie sich doch holen könne wenn er wolle, aber dann müsste er schon auf unser Schiff kommen.
So gab ein Wort das andere und der Zwerg am Ufer merkte bald, daß er bei uns auf Granit biß. So gab er denn bei und erklärte, er werde schon wieder neue Arbeiter finden.

Etwas versöhnlicher fragten wir ihn, ob er denn wüsste, warum die beiden geflohen wären. Daruf antwortete er, daß derzeit die Stimmung allgemein schlecht unter den Arbeitern wäre - es käme angeblich sogar vor, daß Nachts Arbeiter verschwunden wären. Das würde natürlich alle beunruhigen - selbst zusätzliche Wachen hätten bislang noch keine Abilfe gebracht.
Dann fragten wir noch, was er denn dort bauen würde. Er erklärte uns, daß dies ein Semaphor sei - ein Turm mit dem Nachrichten über weite Strecken versendet werden konnten. Damit er funktionieren könne, muß er möglichst an einem erhabenen Punkt gebaut werden. Daher endschied er sich für den alten verfallenen Turm, der nun als Fundament für seinen neuen Turm diene. Aber angeblich käme von hier auch das Übel, daß seinen Arbeitern solche Angst bereite.

Langsam wurde die Geschichte interessant. Wir wandten uns also unseren Zwergen an Bord zu und wollten nun wissen, was sie dazu zu sagen hätten.
Zunächst schweigten sie, doch als wir sie daruf hinwiesen, daß sie auch ganz schnell wieder zurück schwimmen könnten, wurden sie etwas redseliger. Ihnen war wohl klar, daß mit uns nicht zu spaßen war.

Sie erzählten uns, daß in letzter Zeit schon einige Mechanikusse sehr merkwürdige Unfälle hatten. Es sind sogar schon Wachen aufgestellt worden, doch geholfen hat bislang alles nichts.
Im Gegenteil - die Wachen waren sogar gefährdeter als die Arbeiter, so daß sie noch mehr gute Männer verloren hatten.

Wir besprachen uns kurz und beschlossen dann, der Sache auf den Grund zu gehen. Allerdings verlangten wir von den beiden Zwergen, daß sie zurück an ihre Arbeit gingen. Etwas widerwillig stimmen sie schließlich zu.
Dann fuhren wir zurück an den Landungssteg und ließen die beiden Zwerge an Land.

Ich hatte das Gefühl, daß sie heilfroh waren endlich wieder festen Boden unter ihren Füßen zu spüren - wenn sie auch dadurch zurück an die Unglücksstelle mußten.
Ineluki befestigte das Boot am Landungssteg und wir stiegen aus.

Der Zwerg, der unsere beiden Flüchtlinge entgegen nahm, stellte sich als Angels Eisenbart vor. Er erzählte uns, daß die Aussage der beiden richtig war und in der Tat einige merkwürdige Vorkommnisse - leider mit Todesfolge der betroffenen Zwerge - hier vorgefallen wären. Seiner Ansicht nach muß es unter der alten Ruine einen Hohlraum geben, doch er hatte bislang noch nichts gefunden, was auf einen Eingang hätte schließen lassen können.
Daraufhin boten wir ihm an, uns die Sache mal anzusehen. Allerdings wollten wir unser Schiff nicht mutterseelenallein auf dem Reik liegen lassen. Sofort bot Angels uns an, zwei kräftige und zuverlässige Männer zur Bewachung abzustellen.

Da konnten wir nicht mehr Nein sagen. Somit ließen wir uns von Angels zur Baustelle führen.

Kaum waren wir am Gerüst, rief er zwei Männer zu sich, beschrieb ihnen die Lage des Bootes und befahl ihnen, unser Boot bei Tage und der Nacht sorgfältigst zu bewachen. Diese machten sich daraufhin sofort auf den Weg.
Dan gingen wir nach oben auf den Turm.

Es war eine hochinteressante Kontruktion, wenn auch keiner von genau verstand wie sie funktionierte, aber es sah alles ziemlich kompliziert aus. Wir ließen uns das ein oder andere von Angels erklären und schauten uns dabei sehr genau auf der ganzen Baustelle um. Einen geheimen Eingang oder auch nur etwas ansatzweise Ähnlichen fanden wir jedoch beim besten Willen nicht.
Aber vielleicht war der Eingang ja auch gar nicht im Turm, sondern im Fundament irgendwo im Hügel.

Wir gingen also zusammen mit Angels langsam und sehr aufmerksam den alten Pfad vom Turm hinaub in Richtung Fluß.
Es dauerte eine ganze Weile - wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben - bis auf einmal einer von uns eine gut getarnte aber frisch aufgeschüttete Stelle etwa abseits des Pfades fand.
Sofort ließ Angels ein paar Männer herkommen und den Boden abtragen.

Tatsächlich! Nur wenige Handbreit unter dem Boden war eine Falltür. Ein Eingang in die von Angels vermutete Höhle!
Leider hatte dieser Eingang nur einen winzigen Nachteil: wir fanden selbst nach einer äußerst gründlichen Inspektion keinen Weg, die Falltüre zu öffnen.

Dann kam uns die Idee, daß sich diese Tür absichtlich nur von innen öffnen ließ und als Fluchtweg diente. Doch dies würde bedeuten, daß es doch noch einen weiteren Eingang im Turm geben müßte.
Wir gingen also nochmals hinauf und untersuchten sowohl die alte Ruine als auch die Neukonstruktion so gut es ging, doch es blieb dabei: wir fanden keine Spur. Inzwischen wurde es auch schon dunkel, so daß wir ohnehin nicht mehr allzu viel erkennen konnten.
Somit beschlossen wir, die Nacht hier im Turm zu verbringen. Wir blieben im oberen Raum und legten uns hin. Tyr hielt die erste Wache.

Mitten in der Nacht hörten wir einen Schrei und sahen, wie eine Gestalt über Tyr hockte, der regungslos an der Eisenblende des Turms hing und sich an ihm gütlich tat.
Ich zögerte keine Sekunde und warf ein Messer auf die Gestalt. Shallya muß meine Hand geführt haben, denn das Messer traf genau in die Stirn dieses Monsters. Verblüfft ließ es von Tyr ab, sah mich an, verdrehte die Augen und fiel auf den Boden.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals! Doch es blieb keine Zeit zum Nachdenken, ich mußte mich sofort um Tyr kümmern.
Zunächst legte ich ihn auf den Boden, besah mir die recht ansehliche Wunde und spülte sie erst mal mit Alkohol aus. (Ich war heilfroh, daß Tyr noch bewußtlos war - spätestens jetzt wäre er es geworden!). Die Verletzung war doch schlimmer als ich anfangs vermutete. Es mir blieb mir keine Wahl: ich mußte jetzt sofort operieren.

In der Zwischenzeit durchsuchten Sora und Ineluki die Leiche und fanden einen schlüsselartigen Metalstab um seinen Hals. Ansonsten trug er nichts bei sich. Ineluki erkannte, daß es sich hierbei um einen magischen Gegenstand handelte - kein Wunder, daß wir keinen Eingang fanden!
Da ich noch mit Tyr beschäftigr war, nutzte sie die Zeit und fuhr mit dem Metallstab über den Boden. Es dauerte eine Weile, bis sie eine Stelle am Boden fand, die sich plötzlich senkte und zur Seite wegschob wodurch der lang gesuchte Eingang nach unten frei wurde.

Inzwischen war ich mit meiner Operation fertig und Tyr kam wieder zu sich. Wir erzähltem ihm kurz was vorgefallen war, dann wandten wir uns gemeinsam dem Eingang zu.

Es zeigte sich, daß der Eingang lediglich eine zylindrisches Loch von etwa zwei Metern Durchmesser und vielleicht zweieinhalb Metern Tiefe war. Am Boden war ein Pentagram, an dessen Enden jeweils eine kleine Vertiefung war. Ineluki steckt den Metallstab in eine der Vertiefungen. Der Stab passt perfekt und er läßt sich mit einem spürbaren Widerstand einführen.
Mehr passierte allerdings nicht.

Wir versuchten noch eine Weile verschiedene Kombinationen, doch schließlich kam uns die Einsicht, daß uns vermutlich doch noch vier weitere dieser Metallstäbe fehlen dürften, um hier irgendetwas zu bewegen.
Aber vielleicht war der Stab dennoch von Nutzen. Möglicherweise gab er uns ja den Weg durch die Falltüre frei!

Die wollten wir natürlich sofort versuchen und gingen zusammen mit Angels den schmalen Pfad zu der ausgehobenen Stelle. Ineluki strich mit dem Metallstab über die Tür und - siehe da - sie öffnete sich!
Wir kamen in einen Gang, der (nachdem wir Angels gebeten hatten, Fackeln zu besorgen und er nach kurzer Zeit mit einigen Fackeln zurück kam) über und über mit den verschiedensten Zeichen bedeckt war. Es war eine sehr unheimliche Stimmung.
Sora blieb wie angewurzelt stehen. Entweder sie konnte diese Zeichen lesen oder sie war einfach nur überwältigt von der gruseligen Stimmung, auf jeden Fall war sie beim besten Willen nicht zu bewegen, auch nur einen Fuß in den Gang zu setzen.
Wir hatten keine andere Wahl - wir mußten zu dritt hinein während Sora draußen auf uns wartete.

Nach kurzer Zeit kamen wir an eine weitere Tür, die ebenfalls keinen erkennbaren Mechanismus zu seiner Öffnung hatte.
Auch hier fuhr Ineluki mit dem Metallstab hinüber. Die Tür öffnete sich zur Seite und gab den Weg frei ins Innere.

Vorsichtig gingen wir weiter und gelangten in einen Raum, der wie ein Teil eines Kreises geschnitten war. In dessen Mitte war ein kreisförmiger Metallzylinder; hinzu kamen zwei Türen zur rechten und eine zur linken Seite.
Wir entschlossen uns für die erste Tür auf der rechten Seite.

Ineluki öffnete die Tür und wir sahen hinein. Es war ein einfach eingerichtetes Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch, zwei Stühlen einem kleinen Tisch, einem Sekretär und - einem Zombie !!!
Das war zuviel für mich. Schreiend verließ ich den Raum und beruhigte mich erst wieder kurz vor dem Gang durch den wir gekommen waren. Ich setzte mich auf den Boden und verfluchte den Tag an dem ich geboren wurde. Mein Herz schlug immer noch bis zum Hals und ich bekam kaum mit, daß der Kampfeslärm inzwischen schon wieder leiser geworden war.

Nach einiger Zeit kamen Ineluki und Tyr heraus um nach mir zu sehen. Sie fanden mich immer noch zitternd am Boden und wollten mich damit beruhigen, daß der Zombie nun tot sei. Dann meinten sie, daß ich nun in den Raum gehen könne.
Ich war da allerdings noch ganz anderer Meinung!

Schließlich gelang es den beiden mich zu überzeugen, daß nun keine Gefahr mehr drohe und so gingen wir zu dritt zu Sora, um auch sie zu beruhigen. Auch bei ihr hatten wir Erfolg, so daß wir nun wieder zu viert den Raum betraten.
Im Raum selbst fanden wir nichts besonderes, aber die Durchsuchung der Leiche förderte einen weiteren Metallstab zu Tage.

Mit neuem Mut gingen wir zur nächsten Türe. Ineluki öffnete und wir gingen hinein. Oder besser: Ineluki, Sora und Tyr gingen hinein, denn ich sah sofort wieder drei Zombies, die sich langsam in unsere Richung drehten und auf uns zukamen.
Mir zitterten die Knie und ich blieb einfach bewegungslos stehen. Ich konnte nicht einmal mehr wegrennen!

Zum Glück waren Ineluki, Tyr und diesmal uch Sora etwas härter gesotten, denn ansonsten wäre es bereits um uns geschehen. So aber machten sie kurzen Prozess mit den drei Gestalten. Dann kamen sie wieder zu mir und beruhigten mich erneut.
Immer noch wackelig auf den Beinen ging ich nun langsam und vorsichtig in den Raum, der wohl die Bibliothek darstellen sollte. Ich prüfte kurz einige Titel, doch es waren keine Bücher darunter, die mich sonderlich interessiert hätten.
Ineluki, Sora und Tyr durchsuchten derweil wieder die Leichen und fanden einen weiteren Metallstab. Jetzt fehlten und nur noch zwei.

Als es allerdings darum ging, den nächsten Raum zu betreten, zog ich mich lieber gleich zurück und ging in den ersten Raum. Zu sehr saß mir noch der Schreck in den Gliedern, daß ich diesen Anblick nochmals hätte ertragen können.
Dann betraten Ineluki, Sora und Tyr den dritten Raum.

Ich hörte wieder diese grauenhaften Geräusche, Sora kam herausgelaufen und blieb schießlich zitternd in der Bibliothek stehen - dann folgte Kampfeslärm. Auf einmal kam auch noch Ineluki angerannt, zitternd am ganzen Körper. Was hatte sie nur furchtbares gesehen?
Kurz darauf - nachdem das Kampfgeschrei verstummt war - kam auch Tyr und versuchte Ineluki und Sora zu beruhigen. Nach einiger Zeit gelang es ihm schließlich und wir gingen alle zusammen zurück in den dritten Raum.

Der Raum war sehr karg eingerichtet. Sein hervorstechendstes Merkmal war ein Steingolem, der auf einem Sockel in der Mitte des Raumes stand. Ich durchsuchte kurz den Raum, fand aber nichts weiter. Tyr dagegen fand bei der Leiche den vierten Metallstab.
Wo aber war der fünfte? Es gab nun keinen Raum mehr - nur noch diese Statue. Wir untersuchten sie, doch so sehr wir uns auch bemühten, wir fanden nichts weiter.

Langsam machte sich auch die Müdigkeit bemerkbar - schließlich fing es bereits an zu dämmern. So beschlossen wir umzukehren und in der morgigen Nacht erneut hier zu übernachten.

Wir gingen zum Turm zurück und fanden Angels, dem wir kurz die Vorkommnisse der Nacht schilderten. Er zeigte sich hocherfreut darüber, daß nun den Mördern seiner Männer der Garaus gemacht wurde.
Dann wünschte er uns eine gute Nacht und sorgte dafür, daß wir ungestört schlafen konnten.