19. Pflugzeit 2512

Sehr lange schliefen wir in dieser Nacht nicht mehr, denn das Leben am Hafen beginnt immer sehr früh und so wurden wir schon bald von der Geschäftigkeit des Hafenviertels geweckt.
Wir frühstückten nur kurz, denn wir wollten so bald als möglich zu Hieronymus Blitzen aufbrechen.

Gesagt, getan!
Unterwegs wurde Tyr ein Zeichen gegeben - er erklärte uns kurz, daß dies mit dem gestern nicht stattgefundenen Kampf zu tun hat - und verschwand in der Menge. Nach einer Weile kam er zurück aber sagte noch nichts.

Auf dem Weg zu Hieronymus fiel uns noch ein, daß wir ja auch mal bei den Stadtwachen nach den Leichen fragen könnten, die der Mann mit den langen Krallen hinterlassen hatte. Zum Glück war es nicht sonderlich schwer, eine Wache zu finden - diese Stadt war wirklich gut gesichert.
Leider zeigte sich der Wachmann nicht sonderlich interessiert. Er verwies uns lediglich an die Tempel des Mors. Hier würde man uns die Leichen sicher noch einmal vorführen. Etwas unzufrieden trotteten wir von dannen.

Auf einmal viel uns ein, daß wir auf dem Schiff ja noch eine ziemlich große Menge Geldes aufbewahrten. Sofort gingen wir zurück und überlegten uns ein gutes Versteck. Schließlich entschieden wir uns für den Laderaum.
Tyr machte sich sofort daran, die Holzdielen leicht anzulösen, um in der Luke darunter das Geld zu verstauen, doch so leicht wie es anfangs schien war es wohl doch nicht. Es ging schon die ein- oder andere Diele zu Bruch, bevor wir endlich das Geld verstecken konnten.

Im Nachhinein betrachtet hatten wir wohl alle einen schlechten Tag, denn jetzt fiel uns ein, daß wir das Geld eigentlich am besten gleich in Ware anlegen könnten. Damit wäre die Arbeit (und die damit verbundene Beschädigung unseres Schiffes) gar nicht nötig gewesen! Doch damit fing die Diskussion erst an.
Tyr erzählte uns, daß er vorhin den Ausrichter des Kampfes getroffen hatte. Dieser verlangte von ihm eine Ausgleichzahlung, da er schließlich nicht am Kampfesplatz erschienen war. Würde er nicht zahlen, hätte das ganz gewiß eine Menge Ärger zur Folge. Ganz abgesehen davon musste er dann seine Tätigkeit entgültig aufgeben.

Schließlich beschlossen wir, daß Tyr die Zahlung leisten sollte, wir anschließend vernünftige Ausrüstung für uns kaufen, die Ausbildung von Ineluki und Tyr bezahlen und was dann noch übrig blieb, in Ware investieren würden.
Nachdem dies soweit geklärt war, holten wir also wieder das mühsam versteckte Geld und gingen in die Stadt. Tyr verabschiedete sich kurz darauf von uns, um seinem Mann das Geld zu geben. Wir gingen unterdessen zum Waffenhändler.

Wir besahen uns das gute und reichhaltige Angebot, während noch andere Kunden bedient wurden. Nach kurzer Zeit kam auch Tyr zurück - um einige Kronen erleichtert.
Dann wandte sich der Schmied an uns und fragte nach unseren Wünschen.

In erster Linie ging es um die Ausstattung von Tyr, da er sich entschlossen hatte, Gerichtsstreiter zu werden und dafür ein recht ordentliches Waffenarsenal benötigte. Also kauften wir eine entsprechende Grundausstattung - alles sehr gut verarbeitete Klingen - und nahmen dann noch ein paar kleinere (und vor allem günstigere) Sachen für Sora und Ineluki hinzu.
Dann handelten wir einen guten Preis aus und zogen weiter. Ineluki und ich brauchten noch ein paar Kräuter und Chemikalien, die wir allesamt auf dem Markt erstanden.

Nachdem wir unsere Einkäufe erledigt hatten, gingen wir zurück zu unserem Schiff, ließen die Sachen zurück, die wir nicht unbedingt unterwegs brauchten und gingen dann zu einer Schiffszimmerei, bei der ich ein Schild für meine Praxis anfertigen ließ.
Dann liefen wir zum Kapitän unseres Nachbarschiffs, Herrn Jakob Auermann. Ineluki wollte (wohl auch zur Schonung der Quais in diesem Land) die Schifferei erlernen.

Herr Auermann empfing uns freundlich und hörte sich den Wunsch von Ineluki an. Schließlich willigte er ein. Dann fragte auch Tyr noch, ob er zumindest ein paar Grundkenntnisse des Schiffszimmermannes erfahren könne. Schließlich hilft es immer, wenn man auf See das ein oder andere auch selbst ausbessern kann. Auch hier zeigte sich Jakob Auermann entgegenkommend und bot Tyr an, seinen Zimmerer heute abend herüber zu schicken, damit er ihm das wichtigste beibringen könnte.
Dann bezahlten wir ihm die Ausbildungsgebühr und Ineluki verabschiedete sich bis zum nächsten Tage, an dem die Ausbildung beginnen würde.
Bald würden wir also einen ausgebildeten Schiffer als Kapitän haben. Damit dürfte unsere weitere Fahrt bestimmt um einiges sicherer werden!

Inzwischen war es bereits später Nachmittag geworden und damit höchste Zeit, endlich Hieronymus Blitzen und Aischa de la Roja einen Besuch abzustatten. Schließlich wollte auch auch Tyr seine Ausbildung als Gerichtsstreiter beginnen. Außerdem galt es noch herauszufinden, was mit Tyrs Ring passiert war.
Also machten wir uns auf den Weg.

Dort angekommen öffnete sich das Tor wie gehabt und wie traten ein. Doch kaum waren wir auf dem Hof, liefen Hieronymus und Aischa auf uns zu - Hieronymus mit hochrotem Kopfe, Aischa zog im Laufen ihr Schwert. Hieronymus machte ein paar Zeichen und Tyr sackt plötzlich zusammen. Wir stellen uns schützend vor ihm hin.
Aischa forderte uns mit scharfer Stimme auf, zur Seite zu treten. Wir wussten nicht, was plötzlich in die beiden gefahren war, aber so einfach wollten wir Tyr nicht aufgeben. Wir fragten Aischa, was denn los sei und warum sie auf Tyr losgegangen war. Doch sie gab keine Antwort, sondern befahl lediglich, daß wir endlich von Tyr weggehen sollten.
Dann zog Sora ihr Schwert und erklärte, sie werde ihr Tyr nicht ausliefern.

Plötzlich machte Aischa einen Schritt auf Sora zu, hob ihr Schwert und entwaffnete Sora ehe sie überhaupt etwas bemerkte. Noch einmal verlangte Aischa zu Tyr gelassen zu werden und drohte uns, daß sie sich notfalls auch den Weg freimachen würde.
Wir diskutierten kurz und gaben schließlich den Weg frei.
Noch einmal flirrte die Luft als Aischa mit unglaublicher Geschwindigkeit ihr Schwert zog, ein paar Schnitte vollführte und dann das Schwert in Richtung Tyr führte.

Mir stockte der Atem, doch mit der gleichen Präzision, mit der sie Sora das Schwert aus der Hand geschlagen hatte, entfernte sie den Ringfinger von Tyr - einschließlich des Wolfsringes. Der Ring flog in hohem Bogen durch die Luft und landete schließlich im Hof. Sofort lief sich Hieronymus dorthin, machte einige Zeichen über dem Ring und zerstörte den Stein am Ring.

Ich kümmerte mich unterdessen um die Blutung an Tyrs Finger.
Kaum hatte ich den Verband angelegt, erwachte Tyr wieder mit leichten Schmerzen. Wir erzählten ihm was vorgefallen war. Erst jetzt bemerkte er den Verband an seiner Hand - und seinen fehlenden Finger.
Dann kamen Aischa und Hieronymus zu uns und klärten uns auf.
Das Pentagramm, was der Mann in den Wolfsring geritzt hatte, war dazu da, uns auszuspionieren. Alles, was wir seit dem Vorfall gesagt oder getan hatten, konnte auch der Mann mit den Krallen sehen und hören.

Uns wurde ganz anders bei dem Gedanken, was er alles hätte erfahren können! Schnell ließen wir die vergangenen Stunden an uns vorübergleiten, doch das einzig verräterische war unsere Planung, wo wir die nächste Ware kaufen, bzw. verkaufen wollten. Ansonsten dürfte ihm der Ring nicht allzu viel genützt haben.
Da hatten wir wirklich mehr Glück als Verstand!

Nachdem der erste Schreck vorüber war, dachte ich mir, ich könne auch Hieronymus nach einer weiterführenden Ausbildung befragen. Es würde zwar noch einige Zeit dauern, bis ich als Chirurg den Stand habe, den ich erreichen möchte, doch schließlich wollte ich irgendwann einmal so wie mein Meister Alchemist werden.
Leider konnte mir Hieronymus hier nicht weiter helfen, da er selbst nicht über diese Fähigkeit verfügte. Er empfahl mir diese Ausbildung am besten in einer größeren Stadt zu beginnen, da hier die Chancen am größten sind, einen geeigneten Ausbilder zu finden.
Mir wäre es natürlich am liebsten, diese Ausbildung bei Dr. Sulimann selbst zu machen, aber ich hatte schon damals das Gefühl, das hieraus wohl nichts würde. Schließlich lebten wir in einer sehr unruhigen Zeit.

Dann fragte Tyr nach seinem Vater. Auch hierzu konnte weder Hieronymus noch Aischa sehr viel sagen, doch beide waren sich ziemlich sicher, daß Tyr nicht der ist, für den er sich hält.
Dann wurden wir nochmals nach Bögenhafen gefragt. Diesesmal erzählten wir alles, was uns dort widerfahren war. Wir gingen sogar noch weiter und schilderten bereitwillig unsere Erlebnisse mit der Kräuterhändlerin in Weissbruck und dem Mord an Lisa auf dem Weg nach Altdorf.
Beide hörten sehr interessiert zu, konnten uns aber auch keine weiteren Informationen hierzu geben. Lediglich die violette Hand konnten sie klar als ein Chaos-Kult identifizieren.

Dann wandten wir uns an Aischa - schließlich war der Hauptgrund unseres Kommens die Ausbildung von Tyr.
Zunächst schien sie uns nicht so recht zu verstehen, denn sie fand das Anliegen Tyrs Gerichtsstreiter zu werden zwar gut, verwies ihn aber an den hiesigen Ausbilder. Tyr schien etwas eingeschnappt und wollte die ganze Ausbildung schon wieder sein lassen, was wiederum Aischa nur darin zu bestätigen schien, daß Tyr ohnehin noch nicht reif dafür wäre, Gerichtsstreiter zu werden.

Es folgte eine etwas längere Diskussion, an die ich mich nicht mehr in allen Einzelheiten erinnere - aber schließlich gelang es uns sowohl Tyr wieder zu beruhigen, als auch Aischa dazu zu bringen, die Ausbildung von Tyr zu übernehmen.

Wir bezahlten ihren Obulus für die Ausbildung und wollten gerade gehen, als ein junger Mann etwas ausser Atem vor Aischa trat, niederkniete und ihr seine Dienste anbot. Er war ganz in Leder gekleidet, von eleganter Erscheinung und hatte lange rote Haare, die zu einem Zopf zusammen gebunden waren. Als Bewaffnung trug er ein paar Wurfdolche.
Aischa ließ ihn zunächst aufstehen. Dann erzählte er ihr, daß es Probleme bei ihrer Burg in den Grenzgrafschaften gäbe und wollte ihr dort zur Seite stehen.

Wir schauten Aischa fragend an, dann stellte sie uns kurz gegenseitig vor. Der junge Mann hieß Fuchs und war über seinen Vater mit den de la Rojas verbunden. Dieser war nämlich für den Vater von Aischa in einer Schlacht gefallen und seitdem hielten die Familien eng zusammen. Fuchs fühlte sich dieser Tradition verpflichtet und wollte nun Aischa bei ihren Problemen beistehen.
Aischa erklärte, daß sie zunächst nach Kießlev weiterreisen und von dort aus nach Mittenheim aufbrechen werde, um den Spuren ihres Mannes zu folgen.

Am Rande der Unterhaltung schien aber Sora gefallen an Fuchs zu finden - und umgekehrt genauso, denn ständig hielten sie Blickkontakt und zwinkerten sich zu.
Nachdem Fuchs sein Gespräch mit Aischa beendet hatte, fing er gleich ein intensives Gespräch mit Sora an. Wir unterhielten uns derweil noch etwas mit Aischa über ihre Schwierigkeiten in den Grenzgrafschaften.

Wir blieben jedoch nicht mehr lange, da noch einige Aufgaben auf uns warteten und so verabschiedeten wir uns von Aischa und Hieronymus. Fuchs dagegen machte Sora seine Aufwartung und lud sie am heutigen Abend zu einem Dinner ein.
Sora überlegte kurz (wobei wir sie bedrängten, doch zuzusagen) und willigte schließlich ein. Dann verließen wir den Hof und gingen zur Händlergilde.

Dort angekommen erkundigte sich Ineluki nach Übersetzungsarbeiten. Doch sie hatte kein Glück, es gab in diesem kleinen Ort nicht für sie zu tun. Dann fragten wir noch nach neuer Ware für unser Schiff (sehr viel Geld hatten wir ohnehin nicht mehr, aber ganz leer wollten wir eigentlich nicht fahren), doch auch hier blieben wir erfolglos, denn derzeit wurde nichts angeboten. Aber wir hatten es ja nicht eilig, schließlich blieben wir noch einige Tage am Ort.
Schließlich verabschiedeten wir uns und gingen weiter zu einem Schneider. Denn sowohl Tyr als Gerichtsstreiter als auch Sora für ihr Rendezvous brauchten unbedingt angemessene Kleidung.

Der Schneider des Ortes war ausgesprochen gut. Er nahm sorgfältig Maß, zeigte uns eine Vielzahl von Stoffen zu Auswahl und fertigte hieraus für Sora ein wunderschönes, nachtblaues Kleid mit offenem Rücken und für Tyr ein gutes Hemd, eine perfekt sitzende Hose und einen tadellosen Umhang.
Dann kehrten wir zurück auf unser Schiff.

Kaum waren wir an Bord, kam schon der Schiffszimmerer vom Nachbarschiff, um Tyr einiges beizubringen. Sie gehen gemeinsam in den Lageraum und der Zimmermann zeigt Tyr, was er bei seinen Arbeiten alles hätte besser machen können.
In der Zwischenzeit holte Ineluki eine Schiffsschneiderin zu sich und ließ sich eine der Matrosenanzüge auf ihre Maße zuschneidern.

Sora begann sich in auf ihr Rendezvous vorzubereiten, wusch und kämmte sich. Dann kleidete sie sich an. Sie war gerade fertig, da kam schon Fuchs und wollte sie abholen. Er wartete am Steg und wir holten Sora aus ihrer Kabine.
Mir blieb fast die Spucke weg - Sora war nicht wiederzuerkennen. Tyr begleitete sie bis zum Steg und gab sie dann in die Hände von Fuchs. Dieser bot ihr seinen Arm an und gemeinsam gingen sie zum "Reichen Mann".

Wir aßen nur wenig zu abend, denn unser Tag war noch nicht zu Ende. Nach dem Abendessen setzte ich mich mit Tyr in meine Kabine und ich begann mit der Ausbildung in Etikette bei ihm.
Ich wollte gerade mit dem Verhalten bei Tische beginnen, da kam Ineluki zu uns und Tyr versuchte einen Handkuß bei ihr. Zum Glück kannten wir uns alle schon, denn an anderem Orte und bei einer anderen Person hätte das vermutlich in einem Eklat geendet.
Also begann ich mit dem Handkuß. Ich erläuterte, worauf es ankam, wie der dazugehörige Diener gemacht wird, und und und. Ineluki zeigte sich geduldig und ließ alle Versuche Tyrs über sich ergehen.
Tyr wurde aber auch zunehmend besser. Sein Lehreifer überraschte mich, denn er schien sehr begierig, möglichst schnell alles aufzunehmen.

Nach einiger Zeit beendete ich jedoch die Lehrstunde und wir setzten uns gemütlich zusammen und feierten den erfolgreichen Tag. Schließlich würde Ineluki und Tyr ab morgen eine neue Ausbildung beginnen und Sora - wer weiß...

Bald kam auch Sora, begleitet von Fuchs zurück. Sie verabschiedeten sich und Sora kam glücklich bis über beide Ohren auf die Morgenes. Sofort schwärmte sie uns von ihm vor, erzählte von dem guten Essen und dem wunderschönen Abend.
Wir freuten uns mit ihr und feierten noch bis tief in die Nacht.