18. Pflugzeit 2512

Es dauerte nicht mehr lange, da wachten auch Tyr und Sora auf. Tyr wunderte sich zwar, daß wir die ganze Nacht gewacht hatten, sagte aber nichts. Er ging gleich unter Deck und bereitete das Frühstück.
Ein kleines bißchen dieser Macht schien auf unser ganzes Schiff zustrahlen, denn Sora war gut gelaunt und Tyr gelang nicht nur das Essen auf Anhieb - es schmeckte auch phantastisch!

Wir hatten den Fahrtwind kaum bemerkt nachdem Ineluki in der Nacht den Anker gelöst hatte. Doch nun wurde uns bewußt, daß wir die ganze Nacht über weiter in Richtung Delbertz gebracht wurden, denn auf einmal sahen wir aus der Ferne bereits die ersten Anzeichen der Stadt. Jetzt würde es höchstens noch den Vormittag dauern, bis wir endlich in Delbertz ankommen würden.

Nach dem Frühstück ging ich noch einmal in mein Laboratorium, um den Dorn zu vernichten. Unten angekommen legte ich den Dorn in einen Tiegel und verbrannte ihn.
Doch welch eine überraschung! Das Gift und die ledrige Hülle verbrannten, doch übrig blieb nicht nur Asche sondern ein heller, sehr harter Dorn. Ich untersuchte ihn genauer und erkannte den Dorn als Drachenzahn! Eines der härtesten Materialien - und ganz gewiß weder billig noch leicht zu bekommmen!
Nicht nur das Gift war von ausgesuchter Qualität, nein, auch das Mordinstrument war von exzellenter Güte! Wer war dieser Tomasch und was wollte er uns sagen? Wir werden es wohl nie mehr erfahren - aber es muß ungeheuer wichtig gewesen sein!
Aber eines war klar: die Person oder Gruppe, die den Mord geplant und durchgeführt hatte, muß über hervorragende Quellen und große finanzielle Mittel verfügen!

Ich versteckte den Drachenzahn sorgfältig in meinem Labor und ging nach oben, um den anderen von meinem Fund zu berichten.
Ich mußte mich kurz fassen, denn es dauerte nicht mehr lange und wir sahen den Quai von Delbertz.

Delbertz selbst war gut gerüstet. Massive Stadtmauern, viele Wachen und mindestens ebenso viele Kontrollen.
Als wir ins Hafenviertel fuhren, strömte uns die fast schon liebgewonnene Betriebsamkeit, die Hafenluft, das Geschrei der Schauerleute und der typische Hafengeruch entgegen. Obwohl wir inzwischen alle gerne auf dem Fluß fuhren, so freuten wir uns doch, endlich wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen und unter Meschen zu weilen.

Es war viel los am Quai. Ineluki sah einen freien Landungssteg und fuhr darauf zu - leider nahm sie dabei etwas zu viel Schwung, denn sie rammte den Quai und bremste etwas unsanft mit dem Bug der Morgenes.
Sofort kam der Hafenmeister mit viel Geschrei zu uns hergelaufen und klagte ob seines Schadens. Ineluki entschuldigte sich uns zahlte ihm (recht großzügig) die Reparatur. Dann rief sie ein paar (noch immer grinsende) Schauerleute herbei und beauftragte die Reparatur der Morgenes.

Kurz darauf kamen fünf Wachleute und baten, an Bord gehen zu dürfen und das Schiff nach illegaler Ware zu durchsuchen.
Wir hatten nichts zu verbergen, also ließen wir sie an Bord. Bei der Gelegenheit unterhielten wir uns mit den Wachen und erfuhren dabei, wo Hieronymus Blitzen und Aischa de la Roja, sowie die für uns wichtigen Gilden in der Stadt zu finden waren.
über das Gepräch vergaßen die Wachleute sogar, unser Schiff zu durchsuchen und verabschiedeten sich bald wieder. Vielleicht vertrauten sie uns auch einfach, wer weiß.

Nachdem wir alle zusammen in die Stadt und zu den Gilden gehen wollten, engagierten wir zwei Schauerleute als Wachen, bezahlten sie gut und gingen zur ärztegilde.
Ich stellte mich vor und erfuhr, daß Dr. Freimann der einzige hier praktizierende Chirurg am Ort war. Seine Praxis war im Norden der Stadt, unweit des Restaurants "Zum reichen Mann". Dort, so wurde uns gesagt, können wir ihn auch leicht finden wenn er nicht in seiner Praxis ist.
Dann erklärte ich, daß ich keine feste Praxis eröffnen werde. Allerdings behielt ich es mir vor, eine vorübergehende Praxis auf meinem Schiff aufzumachen. Dann zeigte ich die entsprechenden Papiere aus Altdorf und fügte noch hinzu, daß ich dies natürlich mit Dr. Freimann abstimmen werde, da ich nicht vorhabe, ihm hier in Delbertz eine große Konkurrenz zu machen.
Dann verabschiedete ich mich und wir gingen als nächstes zum Haus von Hieronymus Blitzen.

Als wir sein Haus erreichten, öffnete sich wie von Geisterhand das Tor zu seinem Vorhof. Etwas verdutzt schauten wir uns um, dann traten wir ein und gingen zum Haupthaus.
Diese Türe blieb jedoch verschlossen und so klopften wir an. Ein junger Mann öffnete und führte uns zu Hieronymus und Aischa.

Hieronymus saß vor einigen Tiegeln und mumpfelte etwas vor sich hin. Aischa begrüßte uns und bat uns, Platz zu nehmen.
Der Raum war eigentlich recht groß - nur standen überall Gläser, Tiegel, einige Zeitmeßinstrumente und sehr viele Bücher herum, so daß letztenendes nicht mehr viel Platz übrig blieb.

Dann fragte Aischa, was uns denn zu ihnen führe. Wir wollten noch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und so erzählten wir, daß wir auf dem Weg nach Norden waren, um Geschäfte zu machen und sie dabei zu besuchen. Das Gespräch verlief etwas zäh, denn als Hieronymus uns auf unseren Aufenthalt in Bögenhafen ansprach, blieben wir auch sehr zurückhaltend und erzählten nur das Wichtigste.
Dann beschreiben wir unser Problem, daß wir zwar viele Fragen hätten, aber von niemandem vernünftige Antworten bekämen. Meistens wurden wie auf "später" verwiesen, wobei zu diesem Zeitpunkt der potentielle Antwortgeber dann üblicherweise tot war.
Daraufhin bot sich Hieronymus an, die Antworten zu geben, die er kannte. Dabei erfuhren wir zumindest, daß die violette Hand das Zeichen des Tseech-Kultes war. Aber er kannte weder Aloisius noch den alten Tomasch. Und über den Bund wußte er auch nicht allzu viel zu berichten.

Dann wollte er zum Gegenzug auch noch mehr über die Vorfälle in Bögenhafen wissen, worauf wir ihm zumindest ein paar Details mehr erzählten. Nachdem er merkte, daß er heute nicht mehr von uns erfahren würde, bot er uns an, jederzeit wiederzukommen und uns mit ihm zu unterhalten.
Dann wendete er sich wieder seinen Forschungen zu ohne sich weiter zu verabschieden.
Aischa ließ den Pagen kommen, verabschiedete sich und wünschte uns einen angenehmen Aufenthalt. Dann verließen wir sie.

Unser nächstes Ziel war die Händlergilde.
Auf dem Weg dorthin blieb Sora plötzlich wie angewurzelt stehen. Auf unsere Frage was denn los sei, erzählte sie uns, daß die soeben den Mann gesehen hatte, der von ihrer Mutter damals das Gift kaufen wollte.
Sofort sahen wir uns natürlich um, doch der Mann war längst in der Menge verschwunden.

Nachdem wir hier nicht mehr tun konnten gingen wir weiter zur Gilder der Händler.
Dort angekommen meldeten wir uns und boten zunächst unsere Seide an. Es dauerte nicht lange, da kam ein Händler zu uns und zeigte Interesse. Wir erzähltem ihm von der Qualität der Seide, der guten Lagerung auf unserem Schiff und botem ihm an, sich die Seide anzusehen.
Er willigte ein.

So fuhren wir also gemeinsam zurück zu unserem Schiff und zeigten ihm die Ware. Er begutachtete sie und mußte uns zumindest zustimmen, daß es sich um eine sehr gute Qualität handelte.
Dann begannen wir um den Preis zu feilschen. Es ging hin und her bis wir uns schließlich auf 1800 Kronen plus einem guten Weinhändler (damit wir auch noch unseren Wein zu einem guten Preis verkaufen konnten) einigten.
Dann verließ uns der Händler, um den Weinhändler zu uns zu schicken und sich weiteren Geschäften zuzuwenden. Wir ließen unterdessen die Seide ausladen.

Nach etwa einer Stunde kam auch der Weinhändler, der sich als Herr Harzinger vorstellte und dem wir unseren Wein feil boten. Er besah sich die Ladung, kostete etwas und bot uns 1600 Kronen. Wir willigten ohne groß zu feilschen gleich ein.
Zum Schluß gab er uns noch den Tip, beim nächsten Mal nicht mehr über die Händlergilde zu gehen, sondern gleich zu ihm zu kommen. Dann könne er uns noch einen besseren Preis für den Wein anbieten.
Schließlich verabschiedete er sich und wir ließen auch den Wein ausladen.

Nachdem wir so erfolgreich unsere Geschäfte abgeschlossen hatten, wollten Ineluki, Tyr und Sora noch einmal zu Aischa und Hieronymus, um sich noch einmal mit ihm zu unterhalten.
Ich dagegen wollte zunächst zum Waffenhändler, um meine verlorenen Messer wieder nach zu kaufen. Da wir das Schiff jedoch nicht unbewacht stehen lassen wollten, heuerte Tyr zwei Schauerleute an, die ein Auge auf die Morgenes werfen sollten.
Dann trennten wir uns.

Ich ging zum Waffenhändler des Ortes. Es war wirklich beindruckend! Er hatte eine schier unglaubliche Auswahl. Die Qualität ging dabei von "durchschnittlich" bis "außergewöhnlich".
Ich ließ mir seine Ware vorführen und wählte schließlich vier Messer unterschiedlicher Güte. Dann ging ich zum Schiff zurück.
Etwas später kehrten auch die anderen drei von ihrem Besuch zurück und erzählten mir kurz ihr Gespräch. Bei diesem Gespäch wurden zwar keine neuen Erkenntnisse gewonnen, aber Tyr hatte unterwegs wieder für einen Kampf in der heutigen Nacht angeheuert.
Wir waren alle nicht sonderlich begeistert darüber.

Am Abend gingen Ineluki und ich zu Dr. Freimann. Seine Praxis war bereits geschlossen, also gingen wir in den "Reichen Mann".
Dienstpersonal empfing uns und bot uns einen Tisch an. Warum eigentlich nicht mal gut essen? fragten wir uns und beschlossen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Also setzten wir uns und ließen uns die Karte bringen. Bei der Gelegenheit fragten wir gleich, ob Dr. Freimann auch hier speisen würde, was unser Kellner bejahte.

Nach einiger Zeit kam der Kellner zurück und nahm unsere Bestellung entgegen - ein feudales Menü aus fünf Gängen! Dann gab ich ihm noch eine Notiz, die er Dr. Freimann überbringen sollte. Ich wollte Dr. Freimann nicht beim Essen stören und bat ihn daher hinterher noch um ein Treffen.
Ich sah wie die Botschaft überbracht wurde. Dr. Freimann schaute sich kurz um, sah mich an und nickte mir zu - das Treffen ging klar.
Dann widmeten wir uns für die nächsten Stunden nur noch unserem hervorragenden Essen.

Nach einem abschließenden Likör, blickte ich zu Dr. Freimann hinüber, der inzwischen auch sein Essen beendet hatte. Dann stand er auf, sagte etwas zu einem Kellner und ging von dannen. Der Kellner kam zu uns und bat uns ihm zu folgen.
Er geleitete uns in eine Loge, in der Dr. Freimann bereits auf uns wartete.

Ich kam schnell zur Sache und erzählte ihm, daß wir hier für etwa einen Monat Halt machen würden und dann weiterreisen würden. Daher wollte ich auch keine feste Praxis eröffnen, sondern nur auf dem Schiff während unseren Aufenthalts eine vorübergehende Krankenstation einrichten.
Dann zeigte ich ihm mein Erlaubnisschreiben aus Altdorf.

Er bot mir daraufhin an, auch in seiner Praxis mitzuarbeiten, wobei er mir jedoch nicht den üblichen Lohn zahlen konnte, da derzeit nur relativ wenig Krankheitsfälle auftraten.
Nachdem ich ohnehin noch etwas Zeit für den Aufbau meiner Praxis brauchte, nahm ich sein Angebot für die erste Woche an. Danach würde ich allerdings in meiner eigenen Praxis arbeiten.
Dr. Freimann schien damit leben zu können und so verabschiedeten wir uns.

Gut genährt und mit einem leichten Schwips gingen wir am Fluß entlang zurück zur Morgenes. Dort trafen wir auch Tyr und Sora wieder.
Sora schien aufgelöst und so fragten wir gleich, was denn passiert war.

Sora erzählte, daß sie an Deck Wache gehalten hatte, als auf einmal wieder dieser Mann kam, den sie auch schon in der Menschenmenge am heutigen Vormittage gesehen hatte. Er erschien wie aus dem Nichts und wollte auf das Schiff gehen, als Sora ihn daran hinderte. Er war ganz in schwarz gekleidet mit einer Kapuze und sehr langen Fingernägeln.
Dann erzählte er, daß er Gewalt hätte über die Seele ihrer Mutter, Sora sie aber retten könne. Er kam dabei Sora immer näher und vor Angst rief sie nach Tyr.
Er hörte ihren Schrei, stürmte nach oben, doch als er ankam, war niemand mehr zu sehen. Tyr machte auf mich auch den Eindruck, daß er der Geschichte von Sora keinen rechten Glauben schenkte.
Auf der anderen Seite machte Sora einen ziemlich verschreckten Eindruck - entweder hatte sie schlecht geträumt, oder es war doch etwas dran an ihrer Geschichte. Ich wollte jedenfalls bald ins Bett.

Dann erzählte Tyr noch, daß die beiden Schauerleute, die unser Boot bewacht hatten, von Wachleuten tot aufgefunden wurden. Beiden war die Kehle durchgeschnitten worden.
Na prächtig! So schnell würde wohl keiner mehr seinen Kopf riskieren und unser Schiff bewachen. Als ob wir nicht schon genug Probleme hatten!

Gegen Mitternacht machte sich Tyr fertig, um zu seinem Kapf zu kommen. Wir versuchten ihn nochmals umzustimmen, doch alles Bitten half nichts. Er wollte den Kampf durchziehen.
Während Ineluki und ich aufgaben, blieb Sora hartnäckig und ging einfach mit Tyr mit. Es dauerte nicht lange, da kamen beide wieder, Sora ging an Bord und Tyr zog los.
Er war einfach ein Dickkopf!

Jetzt war an schlafen nicht mehr zu denken. Einerseits waren wir alle noch sauer über Tyr's Sturheit, auf der anderen Seite bangten wir auch alle um ihn. Wir wußten, wie schnell ein solcher Kampf zu Ende sein konnte. Und diesmal war nicht einmal ein Arzt an seiner Seite!
Nach einiger Zeit kam Tyr schließlich zurück. Wir atmeten alle auf - er hatte zumindest überlebt. Sobald er an Bord kam, fragten wir ihn natürlich aus.

Tyr erzählte, daß es gar nicht zum Kampfe kam. Er traf seinen Begleiter, der ihn zum Schauplatz bringen sollte und ging mit ihm los. Nach kurzer Zeit wurden sie von zwei schwarzgekleideten und gut gerüsteten Männern überfallen. Sein Begleiter wurde sofort getötet. Er dagegen wurde gelähmt und fiel auf das Straßenpflaster.
Dann kam ein weiterer, ganz in schwarz gekleideter Mann mit sehr langen Fingernägeln zu ihm und sagte: "Wir sehen uns wieder!".
Sora fiel ihm sofort ins Wort und meinte, diesen Mann hätte sie auch gesehen - er wäre derjenige, der von ihrer Mutter das Gift verlangt hatte.

Dann fuhr Tyr fort. Der Mann mit den Krallen besah sich Tyr´s Wolfsring und ritzte ein Pentagramm hinein. Dann ging er von dannen und ließ ihn bewegungslos zurück.
Nach einiger Zeit ließ die Wirkung des Giftes nach und er kam zurück auf die Morgenes.

Dann begann die Diskussion. Wir waren alle einhellig der Meinung, daß dieser Alleingang Tyrs nicht nur ihn gefährdet hatte, sondern auch uns als Gruppe geschadet hat. Wir waren nicht sonderlich begeistert über seine Aktion. Er dagegen wollte selbstständig für seinen Lebensunterhalt aufkommen und von niemandem abhängig sein.
So ging es noch eine ganze Weile. Schließlich beruhigten sich die Gemüter wieder und wir rauften uns wieder zusammen. Tyr versprach, solche einsamen Aktionen in Zukunft nicht mehr anzufangen und statt dessen in die Lehre bei Aischa zu gehen.

Danach unterhielten wir uns noch etwas über den Vorfall und diesen seltsamen Mann, der inzwischen Sora und Tyr begegnet ist, planten noch unsere nächste Handelsroute und legten uns dann schlafen. Am nächsten Tag wollten wir noch mal zu Hieronymus gehen, um auch ihn über diesen merkwürdigen Mann zu befragen und natürlich vor allem den Ring von Tyr begutachten zu lassen.