14. Sigmarzeit 2512

Am Morgen bekamen wir ein letztes Mal dieses reichhaltige und exquisite Frühstück. Ich hatte mich wieder einigermaßen gefangen und konnte das Essen wieder genießen.
Tyr dagegen aß kaum etwas, er hatte erneut einen finsteren Traum.

Er erzählte, daß er auf einem Turm war und dort eine schwarze Gestalt verfolgte. Er rannte so schnell er konnte, doch er erwischte sie nicht. Schließlich kam er in ein Zimmer. Die Tür schlug zu und die Gestalt drehte sich ihm zu. Es war Tyr selbst!
Unmittelbar hinter sich spürte er einen Wolf. Dann wachte er auf.

Wir fragten Tyr, ob er einen der Räume oder das Zimmer, in dem er zuletzt war erkannt hatte. Tyr meinte, es könne eine Bibliothek gewesen sein und es sah auch so aus, als sei alles hier im Schloß passiert.
Also gingen wir nach dem Frühstück zur Bibliothek und fragten den Verwalter, ob er uns hinein lassen könne, was er dann auch tat.
Wir schauten uns um - es gab eine riesige Menge hochinteressanter Bücher - doch es war nichts dabei, was uns weiterhelfen könnte. Auch Tyr fand nichts aus seinem Traum wieder und so verließen wir die Bibliothek wieder.

Dann verabschiedeten wir uns beim Verwalter. Er gab uns noch 100 Kronen für unsere Bemühungen und begleitete uns zur Kutsche. Es war immerhin ein Sechsspänner, den er uns zur Verfügung stellte!
Dann fuhren wir zurück nach Altdorf.

Als wir tiefer in den Wald fuhren, zog auf einmal Nebel auf. Er wirkte zwar nicht unbedingt unnormal, aber zumindest konnten wir eine mögliche Gefahr auch nicht mehr so schnell erkennen. Hinzukam, daß er immer dichter wurde - bald schon konnten wir nur noch 50 Schritt weit sehen.

Plötzlich blieb unsere Kutsche stehen. Wir sahen heraus und konnten kaum erkennen, warum der Kutscher angehalten hatte. Auf einmal kam ein Reiter zu uns, schaute in unsere Kutsche. Er war sehr fein in schwarz gekleidet. Zudem trug er eine Maske, so daß wir nur an seinen Augen erkennen konnten, daß er sehr jung sein mußte. An seiner Seite baumelte ein sehr gut gepflegtes Rapier und in seinem Gürtel steckten zwei edle Duellpistolen.
Als er neben uns hielt, überreichte er Ineluki und Sore je eine Rose. Wir schauten inzwischen etwas genauer heraus und erkannten in nicht allzu großer Entfernung vier weitere Männer auf Pferden, alle mit Musketen bewaffnet. Hinter ihnen stand eine schwarze Kutsche quer über den Weg. Ihr Wappen war nicht zu erkennnen.

Dann sprach der junge Reiter uns an und sagte, daß ein Herr Tudor in dieser Kutsche sein müßte und daß sein Herr seine Hilfe benötige.
Ich gab mich zu erkennnen und fragten nach der Art der Hilfe. Hierzu wollte er allerdings nichts sagen, da es sich - so drückte er sich aus - um eine sehr delikate Angelegenheit handele. Ich gab ihm nochmals zu bedenken, daß ich meine Kunst kaum bei ihm in der Kutsche ausübern könne, schließlich sei es sicherlich zu eng und zu dunkel. Ich bot ihm jedoch an, mit auf unser Schiff in mein Behandlungszimmer zu kommen.
Er ließ sich nicht darauf ein. Wir diskutierten noch eine Weile, dann willigte ich schließlich ein. Ineluki schlug vor mir zu assistieren, doch auch hier kam er uns nicht entgegen.

So stiegen wir also aus und ich ging neben dem Reiter zur Kutsche. Ineluki begleitete mich noch ein Stück und blieb auf halben Weg stehen.
Als ich bei der Kutsche ankam, sah ich, daß das Wappen ebenfalls mit einem schwarzen Tuch verdeckt worden war.
Die Tür wurde mir geöffnet und ich sah nichts als finsterste Schwärze. Einen Moment zögerte ich noch, dann trat ich ein.

Kaum war ich in der Kutsche, wurde sofort hinter mir die Wagentüre verschlossen. Seltsamerweise wurde es in dem Moment auch etwas heller und ich entdeckte einen sehr wohlbeleibten Mann am anderen Ende des Innenraums. Neben ihm saß eine dem Anschein nach sehr hübsche und wohlgeformte Frau. Leider konnte ich sie kaum erkennen, doch ihre Figur war über jeden Zweifel erhaben.
Gegenüber des Mannes saß ein weiterer Mann, eingehüllt in einem grauen Umhang, den er wohl als Mantel trug. Zudem hatte der Umhang eine Kapuze, die der Mann tief ins Gesicht gezogen hatte, so daß ich nur seine gelblich leuchtenden Augen sehen konnte. Ansonsten blieb der Mann mir vollkommen verborgen. Er war sicherlich höheren Alters, doch sein tatsächliches Alter war mir unmöglich zu schätzen.

Ich sprach den fülligen Mann an und fragte, was denn nun sein Begehr sei.
Er erklärte mir daraufhin nochmals, daß es sich um eine sehr delikate Angelegenheit handele und voll auf meine Fähigkeiten und meine Verschwiegenheit zähle.
Letzteres konnte ich ihm ohne zu zögern zusichern, schließlich stand ich ohnehin unter der Schweigepflicht. Was meine Fähigkeiten anging, so versuchte ich auch ihm zu erklären, daß eine Operation - sofern er dies in Betracht ziehen sollte - unter diesen Umständen ein sehr großes Risiko darstellte und ich es auf jeden Fall bevorzugen würde, den Eingriff in meinem Operationssaal durchzuführen.
Aber auch er ließ sich hierauf nicht ein.

Dann fragte ich ihn nach seinem Namen und wie er auf mich gekommen sei.
Wie zu erwarten nannte er weder seinen Namen noch seine Familie, aber zumindest gab er an, Händler und ein guter Freund des Herrn Hohenzollern zu sein. Über ihn sei er auch auf micht gekommen - mein Ruf wäre mir bereits vorangeeilt.

Ich wußte nicht so recht, was ich davon halten sollte, aber wenn er ein Freund des Herrn Hohenzoller war, dann würde ich ihm sicherlich helfen. Zudem brauchten wir ohnehin wieder einen guten Kontakt zur Händlerschaft, nachden Herr Hohenzoller wohl schon bald nichts mehr für uns tun können wird.
Ich willigte also ein und fragte ihn nun, wie ich ihm denn helfen könne.

Ich dachte immer noch, daß es sich um ihn handelte, da er die ganze Zeit hustete und bei Shallya wirklich nicht mehr den gesündesten Eindruck machte. Trotzdem wunderte ich mich, warum er ausgerechnet mich als Arzt wollte, Ein Hustenleiden konnten sicherlich die meisten besseren Ärzte behandeln und am Geld sollte es bei ihm doch wohl nicht scheitern.
Doch ich sollte mich gewaltig täuschen.

Er druckste etwas herum, doch dann kam es heraus: Es ging ihm um seine Frau, die neben ihm saß. Sie hatte Wucherungen an einer sehr delikaten Stelle. Ich konnte mir schon denken um welchen Kult des Chaos es sich hier handelte.
Der Mann gab dem Mann im grauen Umhang ein Zeichen und plötzlich erschien aus seiner Hand ein gezieltes Licht, daß den Unterleib und die Oberschenkel seiner Frau deutlich hervorhob. Dann schlug er ihren Rock zurück.

Mir blieb fast der Atem weg. Zum einen sah sie wirklich vollendet aus: glatte, straffe Haut, einfach wunderschön anzusehen. Doch zum andern sah ich den Grund meiner Anwesenheit: drei kleine Tentakel kamen sehr weit oben an der Innenseite ihres Oberschenkels heraus und züngelten gierig in ihre Mitte.
Ich sah den Mann an und erklärte ihm, daß ich sie abtasten müsse, um den Schnitt richtig setzen zu können. Er nickte mir zu und so befühlte ich vorsichtig die Umgebung der Tentakel.

Ich erfühlte, wie sich das Geschwür in Richtung ihrer Scham weiter ausbreitete, sie aber glücklicherweise noch nicht erreicht hatte. Es war noch Hoffnung, doch eine Operation unter diesen Bedingungen würde sicherlich sehr schwierig werden.
Vorsichtig legte ich die Frau etwas zu mir hin, holte mein Skalpell heraus und bereitete mein restliches Werkzeug vor. Dann führte ich einen schnellen und gezielten Schnitt. Die Tentakel wußten wohl, was mit ihnen geschehen würde, denn sie wanden sich hin und her und versuchten mich zu treffen.
Ein weiterer Schnitt in ihre Leibesmitte trennte auch das Geschwür heraus und schließlich noch ein abschließender Schnitt und die Tentakel waren frei.

Sofort gab ich sie dem Mann mit den grauen Umhang, der seine Hand bereit zu mir gestreckt hatte. Kaum hatte er sie in der Hand umschlossen seine Finger die Tentakel vollständig und ich hörte nur noch ein Zischen und einen entfernten Schmerzensschrei.
Dann fiel nur noch etwas Asche aus der Hand des Mannes.

Ich schloß in der Zwischenzeit die Wunden und verband die junge Frau. Dann bedeckte ich sie wieder und erklärte, daß in ein paar Tagen die Wunden verheilt sein würden.
Schließlich wandte ich mich nochmals an ihren Mann. Er bedankte sich bei mir und sagte, daß ich einen Gefallen bei ihm gut habe. Er sagte, daß es inzwischen in Nuln sehr gefährlich geworden wäre. Ich fragte ihn daraufhin direkt, ob er etwas über Etelka Herzen wüsste.

Er machte einen verwunderten Eindruck - er schien nicht daran gedacht zu haben, daß Etelka etwas mit der Seuche in Nuln zu tun haben könnte. Doch mehr als das was wir bereits über sie in Erfahrung gebrachte hatten, wußte auch er nicht.
Dann fragte ich noch, ob er etwas über einen Wolfskult und insbesondere über einen alten Tomasch wüßte. Vielleich könne er ja auch etwas in Erfahrung bringen, schließlich war er weit gereist und kannte sehr viele Leute.
Das was er mir allerdings über den Wolfskult sagte, war mir nicht mehr neu und den alten Tomasch kannte er überhaupt nicht. Aber er versprach sich noch etwas umzuhören.
Dann sagte er noch, daß auch er noch nach Griessenwald wollte und es sein könnte, daß wir uns dort wieder begegnen würden.

Dann wünschte ich ihm noch eine gute Fahrt und eine gute Besserung. Seiner Frau wünschte ich eine gute Genesung. Dann verließ ich den Wagen.
Draussen sprach mich nochmals der Jüngling an und übergab mir einen Goldring, in dem eine schwarze Rose eingraviert war. Ich bedankte mich und ging zurück zu unserer Kutsche.

Ich war noch nicht eingestiegen, da hörten wir bereits das Hufgetrapper der Pferde und die sich schnell entfernende Kutsche. Etwas nachdenklich stieg ich ein und wir fuhren weiter.
Der Nebel lichtete sich so schnell wie er gekommen war - der Mann im grauen Umhang war scheinbar mächtigr als er aussah - und ich erzählte den anderen was mir widerfahren war.

Gegen Abend erreichten wir die Kutschstation und wir mieteten zwei Doppelzimmer. Dann aßen wir noch etwas zu abend - es war die bekannt schlechte Qualität, aber hungrig wollten wir nicht schlafen gehen - und legten uns zur Ruhe.