10. Pflugzeit 2512

Mitten in der Nacht wurden wir auf einmal von Fanfaren geweckt. Alarm! Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Wir waren alle noch schläfrig, schließlich hatten wir erst wenige Stunden geschlafen. Doch sofort kam uns Ineluki in den Sinn - nicht daß ihr etwas zugestoßen ist!

Wir gehen sofort an Deck. Kaum waren wir oben, kam uns schon Ineluki entgegen. Wir wollten gerade fragen was los sei, da sahen wir, daß Joseph in großer Eile ablegte und Lisa am Kai zurückließ. Also mußten wir doch wieder auf sie aufpassen, denn wir konnten Lisa schließlich nicht einfach dort lassen.
So ging Sora zu Lisa und nahm sie an sich.

Nun war es an der Zeit zu erfahren, was eigentlich los war. Doch bevor Ineluki etwas erzählen konnte, holte Tyr uns in seine Kabine. Dort angekommen sahen wir ein tadelloses Schwert, welches in der Mitte des Raumes im Boden steckte.
Natürlich wußte niemand wie es dorthin gekommen war. War dies noch ein Geschenk des Chaos? Nach seinen Erlebnissen der letzten Tage war es Tyr klar, daß er das Schwert nicht einmal berühren würde. Doch was sollten wir damit machen?
Da kam Ineluki eine Idee. Sie nahm ihr Schwert und schlug es gegen das Schwert im Boden. Kaum hatte sie es berührt, verschwand es ohne eine Spur zu hinterlassen! Es war schon eine merkwürdige Zeit in der wir lebten.

Nun endlich kam auch Ineluki dazu, uns zu erzählen was geschehen war.
Sie hatte vor der "Trompete" Wache gehalten, doch es blieb ruhig. Niemand hatte die Pension verlassen. Auf einmal hörte sie Hufgetrappel. Mitten in einer ansonsten sehr ruhigen Nacht war dies mit Sicherheit sehr ungewöhnlich. Also beschloß sie, dem nachzugehen. So rannte sie in die Richtung des Geräusches und kam schließlich an die Stadttore, die weit offen standen. Leider konnte sie niemanden mehr erkennen.
Nachdem die Tore jedoch normalerweise nachts geschlossen sind, ging sie ins Wachhaus, um vielleicht dort mehr über die oder den Reiter zu erfahren. Als sie jedoch ins Wachhaus kam, überkam sie das kalte Grausen: alle Wachen waren verstümmelt, der ganze Wachraum war mit Blut besudelt - es sah schrecklich aus!

Auf einmal hörten wir draußen Rufe. Wir gingen an Deck und sahen einige Wachen, die unser Boot durchsuchen wollten - sicher wegen der Vorfälle der Nacht.
Selbstverständlich ließen wir sie an Bord. In dem Augenblick war ich sehr froh, daß wir keinen Branntwein eingekauft hatten. Ansonsten hätten wir jetzt mit einigem Ärger rechnen können.

Als die Wachen an Bord gingen, fragten wir sie natürlich nach dem Grund des Alarms und der Durchsuchung. Daraufhin erzählten sie uns im groben noch einmal von dem Überfall des Chaos, den toten Wachmännern und dem blutverschmierten Wachhäuschen.
Obwohl ich die Geschichte nun schon kannte, so grauste es mich immer noch, als es erneut erzählt wurde.

In der Zwischenzeit durchsuchten die Wachen unser Schiff recht gründlich, fanden aber nicht wonach sie suchten. Dann verabschiedeten sie sich freundlich und gingen zum nächsten Schiff.
Kaum waren die Wachen von Bord, fiel uns allen ein Stein vom Herzen. Spätestens jetzt war allen klar, daß das Geschäft mit dem Branntwein ein Fiasko geworden wäre.

Wir gingen wieder unter Deck und Ineluki schlug vor, uns noch einmal alle auf irgend welches Chaos hin mit ihrem Schwert überprüfen zu wollen. Wir stimmten ihr zu.
Zunächst ging sie mit ihrem Schwert über Sora - nichts passierte. Dann war ich an der Reihe, doch auch hier (zum Glück!) keine Reaktion. Schließlich fuhr sie mit dem Schwert über Tyr - und dann auf einmal bewegte es sich in Richtung seines Herzens, schnitt zweimal schnell zu und war dann wieder ruhig.
Erstaunt sahen wir, wie eine eitrige, gelbe Masse aus der Wunde herausfloß. Tyr fühlte sich auf einmal sehr schwach aber auch erleichtert.
Sofort nahm ich ein Tuch, wischte die Masse ab und verbrannte das Tuch mitsamt seinem Inhalt. Dann führte ich Tyr in den Behandlungsraum und verband die Schnittwunden. Bei der Gelegenheit versorgte ich dann auch gleich noch seine geprellte Schulter, der es inzwischen auch schon wieder etwas besser ging.

Als Tyr wieder einigermaßen erholt war, beschlossen wir, den Mann mit der Keule zu suchen. So gingen wir als erstes noch mal in die "Trompete".
Auf dem Weg dorthin spürten wir die ohnmächtige Wut der Menschen. Zornige Drohungen wurden ausgerufen, Frauen weinten, und alle liefen umher, um vielleicht doch noch die Übeltäter zu erwischen. Doch in allem spiegelte sich nur die Hilflosigkeit der Menschen, nichts mehr gegen das begangene Unrecht tun zu können.

In der "Trompete" erfuhren wir schließlich, daß keine Person mit unserer Beschreibung in den letzten Tagen hier aufgetaucht war. Also eine Niete! Das besserte unsere Stimmung auch nicht gerade, doch fest entschlossen machten wir weiter. Wir hofften immer noch, Elvira rechtzeitig zu finden und das Schlimmste zu verhindern. So gingen wir weiter zum "Schwarzen Gold". Doch auch hier wurde keine solche Person gesehen.
Wieder nichts! Jetzt blieb uns nur noch der "Glückliche Mann". Wenn er auch hier nicht war, könnte er irgendwo in der ganzen Stadt sein und dann würde die Sache bald hoffnungslos.

Aber noch ließen wir uns nicht entmutigen und gingen zum "Glücklichen Mann". Dort angekommen erfuhren wir, daß ein Mann mit unserer Beschreibung tatsächlich hier gewohnt hatte. Allerdings war er bereits vor zwei Tagen ausgezogen und wurde seitdem nicht mehr gesehen.
Weiterhin erfuhren wir, daß der Mann in Begleitung von zwei weiteren Personen war. Schließlich erwähnte der Wirt noch, daß die drei eigentlich heute am Hafen abgeholt würden - weswegen er sich auch gewundert hatte, daß sie bereits vor zwei Tagen ausziehen wollten.

Treffer! Wir hatten zwar immer noch nicht unseren Mann, aber dafür waren wir um einige Informationen reicher.
Als Dank für die guten Infos frühstückten wir gleich hier und besprachen dabei unser weiteres Vorgehen. Es galt weitere Spuren zu finden: wo ist der Mann - beziehungsweise sind die drei - gewesen, wo sind sie jetzt und wohin haben sie Elvira verschleppt.

Nach dem Frühstück gingen wir zunächst noch einmal zu den Lagerschuppen und fragten den Wächter, ob wir uns die Schuppen ansehen könnten. Schließlich ging es um die Entführung von Elvira und sie war die einzige Heilkundige hier im Ort.
Ohne Probleme erlaubte uns der Wächter der Zutritt. Die Schuppen würden ohnehin kaum noch verwendet und seien größtenteils leer, erklärte er uns.

Wir durchsuchten alle Schuppen. Insbesondere der "roten Scheune" schenkten wir ein großes Augenmerk, doch soviel wir uns auch bemühten - wir fanden nichts mehr! Es war einfach zum Verzweifeln!
Schließlich bedankten wir uns bei dem Wächter und gingen zu den - inzwischen verschlossenen - Stadttoren. Aber auch hier war nichts zu erkennen. Selbst wenn es hier vielleicht einmal Spuren gegeben hatte, seit heute Nacht waren hier so viele Menschen umhergelaufen, daß absolut nichts mehr zu erkennen war.

Also blieb noch die Spur mit dem Schiff.
Wir gingen zur Hafenmeisterei und fragten nach Schiffen, die gestern gekommen waren und fragten auch nach unserem Mann.
Ohne große Umschweife gab er uns Auskunft. Tatsächlich war gestern am Abend noch ein Schiff eingetroffen. Es schien ein Passagierschiff gewesen zu sein, denn es wurde keine Ladung mehr gelöscht. Kurz nach dem Alarm hatte es dann wieder abgelegt und war weitergefahren in Richtung Altdorf.
Auch konnte sich der Hafenmeister noch genau an unseren Mann erinnern, der mit zwei weiteren Personen oben an Deck dieses Schiffes stand.

Tja, nun wußten wir zwar, wohin unser Mann geflohen war, doch einholen würden wir ihn wohl nicht mehr. Zudem blieb nach wie vor die Frage, wo den Elvira war. Allerdings hatten wir inzwischen alle die schlimmsten Befürchtungen, daß sie wohl nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Da kam uns noch eine Idee: ihr Kräuterladen! Hier hatten wir überhaupt noch nicht nachgesehen.
Sofort machten wir uns auf den Weg. Möglicherweise fanden wir ja dort noch etwas.

Beim Kräuterladen war immer noch die Scheibe eingeschlagen und es sah nach wie vor unordentlich aus. Wir gingen also hinein.
Doch kaum waren wir im Laden, gingen uns die Augen über: hier hatten eindeutig einige Leute genächtigt. Hier waren sie also gewesen! Und wieder waren wir zu spät! Es war einfach zum Mäuse melken!
Schnell überprüften wir noch den Rest der Wohnung, doch hier war niemand mehr.

Sofort gingen wir zurück zum Hafen. Vielleicht erwischten wir das Passagierschiff doch noch. Elvira jedenfalls würden wir nicht mehr helfen können, das was gewiß! Aber ihre Mörder sollten nicht ungeschoren davon kommen, dafür wollten wir sorgen (falls es uns denn noch in unserer Macht stände).
Kaum waren wir auf unserem Schiff, folgen schon die Leinen von Bord und Ineluki fuhr uns sicher (ohne den Verlust weiteren Hafenmaterials) heraus.
Ineluki fuhr so schnell sie konnte, um vielleicht doch noch etwas aufzuholen.

Am frühen Nachmittag erreichten wir die erste Schleuse zum Kanal in Richtung Altdorf. Wieder kamen Wachen an Bord und durchsuchten unser Schiff nach verbotener Ladung. Nachdem sie aber nichts finden konnten, gingen sie wieder und der Schleusenmeister ließ und fahren.

Von nun an wurden wir, wie allen anderen Schiffe auch durch den Kanal gezogen.
Es waren sehr viele Schiffe vor uns. Alle wollten sie möglichst schnell weg aus Weissbruck, nachdem sich die Schandtat herumgesprochen hatte. Ein Passagierschiff, so wie es uns der Hafenmeister geschildert hatte, sahen wir jedoch nicht vor uns.

Gegen Abend kochte Lisa, die sich inzwischen an das Leben an Bord und auch an uns gewöhnt hatte, ein recht gutes Abendessen. Obwohl Tyrs Essen auch immer sehr gut war, so ging sie doch erheblich schonender mit unserem Proviant um.
Wir ließen es uns schmecken und unterhielten uns dabei über dies und das.

Später erreichten wir die erste Zwischenstation, an der wir auch die Nacht verbringen würden.
Natürlich gingen wir in das Fährhaus - obwohl wir die schlechte Qualität des Biers schon auf der Hinfahrt gekostet hatten - einfach in der Hoffnung, hier unseren Mann zu finden.
Das Fährhaus war erwartungsgemäß bis unter das Dach voll von Menschen. So viele Schiffe sind vermutlich noch nie gleichzeitig in Richtung Altdorf gefahren!

Wir bestellten uns Bier, nippten daran (es war immer noch so schlecht!) und nutzten die Zeit unseren Mann zu suchen. Doch so sehr wir uns auch bemühten, er war nicht da. Entweder war er schon eine Station weiter oder er ist einfach auf dem Schiff geblieben, um kein Risiko einzugehen.
Was auch immer es war, wir bekamen ihn am heutigen Abend jedenfalls nicht zu Gesicht.

Schließlich gingen wir müde und enttäuscht zurück und legten uns schlafen. Zuvor behandelte ich noch einmal Tyrs Schnittwunde an seiner Brust und wechselte den Verband seiner Schulter.
Morgen würde es ihm sicher wieder besser gehen.