08. Pflugzeit 2512

Es war eine ruhige Nacht, nichts außergewöhnliches passierte, so daß wir in aller Frühe ausgeruht aufwachten.
Joseph fuhr bereits mit dem ersten Sonnenlicht los - er wollte wohl sichergehen, daß ihm nicht noch einmal so etwas wie gestern passieren würde. Wir konnten ohnehin nicht gleich hinterher, schließlich mußten wir erst noch Soras Fallen zurückholen.

So ruderten Tyr, Sora und ich wieder ans Ufer und Sora holte ihre Fallen.
Es war ein voller Erfolg! Zwei Hasen waren in den Fallen - das sollte ein gutes Frühstück werden! Wir ruderten gleich wieder zurück und Ineluki segelte los.

Tyr machte sich inzwischen über die Hasen her, nahm sie aus und bereitete sie zu. Wir warteten schon darauf, daß der erste Hase als schwarze Masse durch das Kombüsenfenster geflogen kam, doch wir warteten umsonst. Beide Hasen überstanden Tyrs Kochkünste und schmeckten fabelhaft.
Es war ein wirklich gelungenes Frühstück! Nur Ineluki hatte leider überhaupt keinen rechten Appetit und aß nur ein wenig Obst. Ihre seltsame Krankheit bereitete mir ziemliche Kopfschmerzen. Aber soviel ich auch bislang gesucht und überlegt hatte, des Rätsels Lösung blieb mir bislang verschlossen.

Es dauerte nicht lange, da beugte sich Ineluki über die Reling und das wenige, was sie gegessen hatte gab sie wieder heraus. Die Fische freuten sich!
So konnte das nicht weiter gehen! Ich mußte sie noch einmal untersuchen.
Wir unterhielten uns kurz und, nachdem dieses Teilstück des Flusses recht gerade war, band sie einfach das Ruder fest, bat Tyr sie bei Problemen zu rufen und ging mit in den Behandlungsraum.

Unten bat ich sie sich auszuziehen und hinzulegen. Einen kurzen Moment lang war ich wieder überwältigt von ihrer fremdartigen, grazilen Schönheit, doch dann konzentrierte ich mich auf meine Arbeit und untersuchte sie so gründlich es ging.
Immer wieder überlegte ich, was ich denn noch vergessen haben könnte - irgend eine Kleinigkeit, irgend etwas mußte es doch sein! Aber auch dieses Mal fand ich nichts.
Zerknirscht gab ich auf, und bat sie sich wieder anzuziehen.
Während Ineluki zurück ans Ruder ging, blieb ich noch im Behandlungszimmer und dachte über diese seltsame Krankheit nach. Aber so sehr ich mich auch abmühte, alte Schriften meines Meisters im Kopfe rekapitulierte, es fiel mir einfach nichts ein.

Oben an der frischen Luft ging es Ineluki dann aber schnell wieder besser und wir machten gute Fahrt. Doch der Vorsprung von Joseph war bereits zu groß, so daß wir ihn am heutigen Tage nicht mehr einholten.

Am frühen Nachmittag, die Sonne stand hoch am Himmel, kam uns ein Passagierschiff entgegen.
Die Passagiere waren sehr gut gekleidet und schienen verhältnismäßig reich zu sein. Die Mannschaft war zuvorkommend und korrekt und das Schiff war gut bewacht. Es war die angenehme Art sicher zu reisen, die man sich nur leisten konnte, wenn man über größere Summen verfügen konnte.

Wir grüßten freundlich herüber und der Bootsmann grüßte zurück.
Dann wurden wir gefragt, ob wir Neuigkeiten aus Bögenhafen hätten, nachdem wir aus dieser Richtung kamen. Tyr erzählte im Groben, was sich in Bögenhafen zugetragen hatte, ohne dabei näher auf unsere besondere Rolle dabei einzugehen.

Im Gegenzug wollten wir natürlich einige Informationen aus Altdorf erhalten. Der Schiffer gab uns bereitwillig Auskunft.
Der Großprinz von Ostland machte den Großherzog Krieglitz von Talabecland für den Tod seines Sohnes in den grauen Bergen verantwortlich. Er behauptete, der Großherzog hätte einen Meuchelmörder auf Hergard, seinen Sohn angesetzt, um diesen in den Bergen zu töten und es wie einen normalen Überfall von gewöhnlichen Räubern aussehen zu lassen.
Es war seit langem bekannt, daß Gustav von Krieglitz sich die Wälder des Ostlandes einverleiben wollte. Eine Einheit Kavallerie des Großherzogs wurde in einem Hinterhalt in der Nähe der Grenze zu Ostland aufgerieben. Aus Angst vor einem Vergeltungsschlag der Talabecländer für diese vernichtende Niederlage flohen die Bauern bereits ins Landesinnere von Ostland.

Wir bedankten uns für die umfassende Information und fuhren weiter. Das hörte sich alles gar nicht gut an. Hoffen wir, daß wir nicht mitten in einen Krieg der beiden Ländereien geraten! Wir hatten schon genug Schwierigkeiten und brauchten fürs erste keine weiteren!

Danach begegneten wir nur noch kleineren Fischerbooten, die uns freundlich grüßten. Die Fahrt verlief sehr ruhig. Jeder machte sich irgendwie nützlich. Sora flickte einige zerrissene Segel, Tyr schrubbte das Deck und ich richtete meinen Behandlungsraum endgültig ein und dacht noch etwas über Ineluki und ihrer seltsamen Übelkeit nach.
Als es dämmerte suchte Ineluki einen geeigneten Lageplatz ankerte und Tyr bereitete wieder das Abendessen. Es war so wie wir es gewohnt waren: schwarzer Rauch, fluchen, Fenster auf und dann, etwas später - Wohlgeruch. Das Wasser lief mir schon im Mund zusammen und so waren wir alle sehr schnell bei Tyr als er uns rief.

Wir kannten ja inzwischen die Kochkünste von Tyr und er enttäuschte uns auch diesmal nicht. Das Essen war sehr gut und wir ließen es uns schmecken.
Nach dem Essen teilten wir die Wachen für die Nacht ein. Da ich erst mit Sora die zweite Wache hatte, ging ich gleich in meine Kabine und legte mich hin. Heute machte es keinen rechten Sinn am Ufer Fallen aufzustellen sagte Sora, da kein Wald in der Nähe war und Hasen sich nicht so weit in die ungeschützte offene Grasfläche wagen würden.

Es mußte mitten in der Nacht gewesen sein, als ich plötzlich einen Schrei hörte. Sofort nahm ich meine Messer und das Kurzschwert und rannte an Deck.
Oben angekommen blieb mir das Blut in den Adern stecken. Tyr ging mit hoch erhobener Axt langsam auf Ineluki zu. Er war wie von Sinnen und Ineluki stand mit schreckensweitem Blick an der Reling und saß in der Falle!

Ich mußte ihn irgendwie ablenken, damit Ineluki weg konnte! Ich nahm ein Messer zur Hand und warf.
Daneben! Haarscharf verfehlte das Messer sein Ziel und landete im Wasser. Tyr ging unbeeindruckt weiter.

Was nun? Ich schreie Tyr an, rief ihm zu er solle ablassen, doch er hörte nicht von alledem.
In dem Moment machte Ineluki eine merkwürdige Handbewegung und Tyr blieb plötzlich stehen, ließ seine Waffe fallen und sackte in sich zusammen.
Ineluki rief mir zu, daß er nicht lange in diesem Zustand bleiben würde. Also holte ich schnell ein Seil und mit vereinten Kräften banden wir Tyr so gut wir konnten am Mast fest.

Dann versuchten wir die Axt zu versenken. Inzwischen war auch Sora herauf gekommen und half uns, doch das verfluchte Ding war wahnsinnig schwer und bewegte sich keinen Handbreit. Im Gegenteil: als Ineluki Hand an die Axt legen wollte fuhr ihr Schwert, daß sie noch in der linken Hand trug auf die andere Hand und verletzte sie!
Auf einmal hören wir ein Geräusch hinter uns. Tyr hatte sich aus seiner Fessel gelöst und ging mit blutunterlaufenen Augen auf Ineluki zu! Sofort stellte ich mich ihm in den Weg, was ihn noch wütender machte. Zum Glück hatte er keine Waffe mehr, so konnte ich seinen Angriffen mit meinem Kurzschwert zumindest eine Zeitlang parieren.

Endlich gelang es Ineluki und Sora die Axt bis zur Reling zu schleifen, indem Ineluki sie mit ihrem Schwert etwas angehoben, Sora ein Seil herumgeschlungen hatte und dann beide mit vereinten Kräften an dem Seil zogen. Schließlich warfen sie die Axt über Bord. In dem Moment brach Tyr blutend zusammen und zwei lange Hauer lösten sich aus seinem Mund und fielen zu Boden. Sofort trugen Sora und ich ihn hinunter in den Behandlungsraum. Ich stoppte seine Blutung, behandelte ihn, doch er blieb bewußtlos.
Schon wieder einer dieser merkwürdigen Fälle! Hier jedoch war das Chaos im Spiel und da verhielt sich einiges anders als gewohnt.
Daraufhin prüften wir noch seinen Brustpanzer, der ja ebenfalls an jedem merkwürdigen Morgen bei uns im Zimmer lag und fanden an der Innenseite das Zeichen Khornes!

Sofort ging ich mit Ineluki wieder an Deck, warf die Rüstung ebenfalls in den Fluß und räumte noch etwas auf. Da bemerkten wir, daß plötzlich Nebel aufgekommen war. Sicherheitshalber steuerte Ineluki das Schiff genau in die Flußmitte.

Eine weise Entscheidung! Kaum hatten wir geankert, schlugen plötzlich Bolzen ein. Vage konnten wir die schwarzen Gestalten am anderen Ufer erkennen. Nachdem wir aber sicher waren, daß sie nicht herüber kommen konnten, gingen wir unter Deck.
Es dauerte noch eine halbe Stunde, ehe die Schüsse endlich verstummten. Dennoch blieben wir lieber bis zum nächsten Morgen in unseren Kabinen - der Schreck saß allen noch tief in den Gliedern.