06. Pflugzeit 2512

Auch am nächsten Tag war die Berebelli schon längst wieder unterwegs als uns der Geruch von gebratenen Bohnen, Eiern und Brot zum Frühstück weckte. Wir aßen mit großem Hunger, denn das Essen war gut. Aber was anderes kannten wir auch nicht von Gilda.
Nach dem Frühstück rief uns auf einmal Volker an die Reling. Eine Person mit dem Gesicht nach unten schwamm im Wasser. Lange konnte er noch nicht im Wasser liegen, denn sein Körper war noch nicht aufgedunsen.

Vorsichtig fuhr Joseph weiter. Wir kamen an eine Flußbiegung unweit der Stelle, wo Volker die Leiche im Wasser fand. Dort schwamm ein herrenloses Ruderboot und ein Flußschiff stand quer zur Fahrtrichtung. Es war scheinbar auf Grund gelaufen.
Langsam nähern wir uns dem Schiff. Joseph fuhr längsseits heran und wir konnten einige Tote an Bord erkennen.
Wir beschlossen, uns das etwas näher anzusehen. So sprangen Tyr, Ineluki und ich wir auf das andere Schiff. Sora wollte auf der Berebelli bleiben.

Kaum hatten wir die Planken berührt, griff Tyr plötzlich ein geflügeltes Wesen an. Es war zwar recht klein an Gestalt, aber wirkte recht aggressiv.
Kurz darauf erschienen aus der Kabine zwei weitere fremdartig mutierte Wesen und griffen Ineluki und mich an. Also, auch hier hatte das Chaos gewütet!

Tyr hatte zwar Mühe, das flinke kleine Wesen zu treffen, aber ein Hieb reichte und es fiel zu Boden. Auch den Mutanten, die gegen Ineluki und mich kämpften erging es nicht besser. Sie waren harte Gegner, aber unsere Erfahrungen der letzten Wochen hatten uns trainiert, so daß wir sie schließlich besiegen konnten.
Dann hatten wir endlich Zeit, das Schiff näher zu untersuchen. Auf dem Deck verteilt fanden wir zwei weitere tote Mutanten und drei Menschen, wohl die früheren Eigentümer des Schiffes. Unser neues Schiff
Wir schauten uns noch weiter um und fanden zwei Kettenmäntel, zwei Kettenhauben, zwei Schwerter, eine Armbrust, Bolzen, vier Dolche, zwei Keulen sowie etwas Geld. Außerdem war noch reichlich Proviant an Bord.
Als wir schließlich in den recht großen Laderaum kamen, fanden wir noch sieben Sack mit insgesamt 200 Behältern Wolle. Die frühere Mannschaft hatte wohl mit Wolle gehandelt. Joseph beglückwünschte uns, denn die Wolle hatte nach seiner Schätzung einen Wert von ungefähr 900 Kronen!

So waren wir plötzlich stolze Besitzer eines Flußschiffes geworden!
Joseph hatte uns diesbezüglich aufgeklärt: wer ein herrenloses Schiff auf dem Fluß findet und in Besitz nimmt, ist auch der rechtmäßige Eigentümer. Aber was sollten wir denn nun mit dem Schiff anfangen? Fahren konnte es ja keiner!

Andererseits gibt es nicht was man nicht auch lernen kann - so dachten wir und ließen uns von Joseph etwas in die hohe Schiffsmannskunst einweihen. Es dauerte nicht lange, da kannten wir zumindest die wichtigsten Manöver und trauten uns zu, das Schiff einigermaßen sicher bis Altdorf zu fahren.
Dort könnten wir dann immer noch entscheiden, was wir damit anstellen wollten. Schließlich könnten wir es einschließlich Ladung auch einfach verkaufen. Es würde sicherlich eine gute Stange Geld bringen!

Doch bevor wir losfahren konnten, gab es noch eine sehr wichtige Kleinigkeit zu erledigen: wir mußten das Schiff taufen. Schnell einigten wir uns auf einen Namen: Morgenes - in Erinnerung an einen der außergewöhnlichsten Männer die wir alle - bis auf Tyr - gekannt hatten.

Dann ging es los. Zuerst versuchte ich mein Glück, doch ich stellte mich nicht sonderlich geschickt an und setzte das Schiff beinahe auf eine Sandbank. Glücklicherweise kam mir Ineluki zu Hilfe und bald schon war die kritische Situation gemeistert.
Von da an übernahm sie das Ruder und ich muß sagen, sie hatte Talent. Gekonnt stand sie am Ruder, hielt Ausschau nach Untiefen und hielt sich dicht hinter Joseph. Sie war wirklich eine geborene Flußschifferin!

Inzwischen richteten wir uns auf dem Schiff ein. Wir verteilten die Kabinen. Es war genug Platz an Bord, so daß ich sogar einen eigenen Behandlungsraum einrichten konnte. Bei der Vielzahl an Verletzungen die wir in letzter Zeit hatten, war das sicher keine schlechte Idee.
Tyr wollte seine Fähigkeiten als Koch unter Beweis stellen und ging in die Kombüse. Sein erster Versuch roch jedoch sehr verkohlt und verschwand ohne ein weiteres Wort im Fluß. Beim zweiten Mal dagegen kam ein rechter Wohlgeruch aus der Kombüse und wir kamen alle, um sein Werk zu bestaunen - und natürlich zu essen!

Nach dem Essen, daß im übrigen wirklich gut war - vielleicht sollte auch Tyr sich als Koch versuchen, dieser Beruf ist bei weitem nicht so gefährlich wie sein jetziger - kam uns ein weiteres Handelsschiff entgegen.
Wir grüßten freundlich und unterhielten uns kurz über Händler in Altdorf und Delbertz, sowie den Waren, die dort verlangt waren. Vielleicht fingen wir doch noch einen Handel an. Langsam begann die Sache Spaß zu machen.

Joseph war inzwischen schon weiter gefahren und wir segelten nun alleine den Fluß entlang. Ineluki hatte aber überhaupt keine Probleme damit - sie fuhr wie eine, die schon seit Jahren nichts anderes tat, als Flußschiffe zu fahren.
Wir reinigten inzwischen das Schiff, räumten in den Kabinen auf, Tyr schrubbte das Deck (völlig freiwillig!) und vertrieben uns einfach die Zeit.

Ein eigenes Schiff! Das war ein Gedanke, an den man sich erst gewöhnen mußte! Was würden wir wohl noch alles miteinander erleben?
Gegen Abend sahen wir von weitem schon die Lichter von Grauenburg. Doch nachdem es schon dunkel wurde, wollten wir noch einmal ankern und morgen erst weiterfahren. Wir segelten bis zur nächsten Flußbiegung und - siehe da - ankerte bereits Joseph.
Natürlich hatte er sich bereits den besten Platz geschnappt, doch wir konnten ganz in seiner Nähe das Schiff festmachen und hatten immer noch einen guten Platz in der Flußmitte.

Wir waren alle ziemlich müde von der Flußfahrt und gingen daher bald schlafen.
Es war doch etwas ganz anderes ein eigenes Schiff selbst zu fahren, als mitgenommen zu werden!