04. Sommerzeit 2512

An jenem Morgen war ein kräftiger Wind aufgekommen und wir freuten uns, endlich wieder schneller vorwärts zu kommen.
Doch unsere Freude hielt nicht lange, denn es wurde schon wieder zuviel des Guten. Der Wind wurde immer stärker und Ineluki mußte schwer kämpfen, die Morgenes auf Kurs zu halten. Dunkle Wolken waren aufgezogen und es dauerte nicht mehr lange, bis es heftig auf uns niederregnete.
Der Regen war so stark, daß wir kaum mehr die Hand vor Augen sehen konnten.

Ineluki hatte inzwischen nahezu alle Segel heruntergenommen - der Sturm hatte gewaltige Ausmaße angenommen. Tyr stand am Bug und beobachtete - so gut er konnte - den Fluß und eventuell entgegenkommende Schiffe. Ich beobachtete unsere Steuerbordseite, damit wir nicht zufällig ans Ufer kamen.
Es wurde immer schwieriger die Morgenes zu manövrieren, denn durch den Sturm schwammen jetzt auch viele Äste und entwurzelte Stämme im Fluß.

Auf einmal gab es einen heftigen Schlag und die Morgenes schwankte heftig von einer Seite zur anderen. Wir hatten einen großen Ast im Wasser gerammt!
Sofort lief Tyr unter Deck und prüfte, ob Wasser eindrang. Ich ging in der Zwischenzeit zum Bug und beobachtete, was uns noch alles entgegenkam. Doch Tyr kam schon bald zurück und berichtete, daß glücklicherweise nichts passiert sei - die Morgenes hatte den Aufprall überstanden.
Erleichtert ging ich wieder an die Seitenwand und Tyr überwachte den Bug. Langsam setzte Ineluki ihre Fahrt fort.

Doch es dauerte nicht lange und ein weiterer Schlag erschütterte unser Schiff. Dieses Mal schien mir der Aufprall sogar härter als beim letzten Mal. Tyr rannte wieder unter Deck, während ich den Bug beobachtete.
Auf einmal rief Tyr lauthals nach Unterstützung. Sofort rannte ich unter Deck - und sah die Katastrophe: Die Morgenes hatte ein Leck und Tyr stand bereits knietief im Wasser.
Notdürftig versuchten wir die gebrochene Planke zu reparieren. Ich hielt das Brett gegen den Wasserdruck, während Tyr dieses so gut es ging an der Schiffswand befestigte.
Schließlich gelang es uns und es strömte kein weiteres Wasser mehr ein. Lange würde diese Konstruktion allerdings nicht halten - wir mussten schleunigst einen Hafen aufsuchen.
Wir gingen wieder hoch und Ineluki setzte vorsichtig die Fahrt fort.

Der Sturm blies mit unverminderter Kraft. Ineluki segelte so langsam sie nur konnte, um einen weiteren Zusammenprall zu vermeiden. Das hätte höchstwahrscheinlich auch das Ende der Morgenes bedeutet!

Schließlich schafften wir es doch und erreichten gegen Abend endlich Kemperbad! Ineluki legte an und wir gingen sofort zum Hafenmeister um den Schaden zu berichten. Er versprach uns, daß Schiff am nächsten Tag - sofern der Sturm nachgelassen haben sollte - zu reparieren.
Tyr war unterdessen bereits in die Stadt gegangen - vermutlich wollte er wieder seinen "Bekannten" treffen.

Ineluki und ich gingen nach unserem Besuch beim Hafenmeister ebenfalls in die Stadt und besorgten uns eine Pumpe. Damit kehrten wir zurück zum Schiff und pumpten erst einmal das Wasser aus der Morgenes. Anschließend hingen wir das Segeltuch auf.

Plötzlich hörte Ineluki ein Geräusch und sie gab mir ein Zeichen, daß jemand auf dem Deck sei. Ohne ein Geräusch zu machen, schlich Ineluki zur Luke und schaute herauf. Sie schüttelte mit dem Kopf und deutete mir an, nachzukommen.
Kaum war ich bei ihr, lief sie hoch und rannte zur Planke. Ich lief so schnell ich konnte hinterher.

Auf einmal schwirrte ein Dolch von hinten nur um Haaresbreite an mir vorbei. Er zeriß meinen Mantel am Arm und ritzte mir leicht in die Haut.
Sofort rief ich Ineluki zu, daß unser Besuch hinter uns sei und drehte mich zu ihm um. Einige Meter vor mir war eine schwarzgekleidete, dünne Gestalt. Ohne zu zögern warf ich mein Messer. Es hätte ihn auch genau in der Stirn getroffen, wenn er nich im letzten Augenblick blitzschnell den Kopf zur Seite geworfen hätte.
So etwas hatte ich noch nie gesehen! Diese Gestalt war wahrlich außergewöhnlich schnell und hatte enorme Reaktionen.

Ineluki war inzwischen zu mir gerannt, doch bevor sie die schwarzgekleidete Person angreifen konnte, war sie bereits bei mir und griff mich an!
Glücklicherweise verletzte sie mich nur leicht, so daß wir nun zu zweit gegen sie standen. Ich konnte zwar nicht allzu viel beitragen, doch Ineluki verletzte die Gestalt ebenfalls leicht am Arm. Daraufhin wendete sie sich nun vollends Ineluki zu und verletzte auch sie leicht.
Nun schien Ineluki einen Schlag anzutäuschen und leicht zuzustoßen, doch ihr Schlag war weit krätiger und traf den linken Arm der Gestalt mit voller Wucht. Inelukis Schwert drang immer tiefer ein und teilte sie schließlich in zwei Hälften.
Blut strömte über das Deck und besudelte auch uns. Sofort untersuchten wir die Leiche und stellten dabei fest, daß uns erneut eine Dunkelelfe angegriffen hatte. Ansonsten hatte sie nichts bei sich.

Wir warfen die beiden Teile über Bord und Ineluki spülte das Deck ab. Ich ging inzwischen hinunter und wuschen mich. Dabei bemerkte ich auch eine Rötung der Haut an der Stelle, wo mich der Dolch getroffen hatte. Der Mantel war ebenfalls nicht nur zerschnitten, sondern zeigte eindeutige Anzeichen von Verätzungen.
Wer auch immer es auf uns abgesehen hatte, er hatte viel Geld, denn diese Mittel sind nur sehr schwer zu bekommen und äußerst teuer! Es war ein ziemlich beunruhigenden Gefühl, einen derart mächtigen Gegner zu haben!
Kurz darauf kam auch Ineluki unter Deck und wusch sich das Blut vom Körper.

Kaum waren wir fertig, kam auch Tyr zurück.
Doch er war kaum wiederzuerkennen! Herausgeputzt wie ein Edler kam er an Bord. Ein Page war bei ihm, der seine gesamte Ausrüstung trug.
Tyr wies ihn an, seine Sachen abzulegen und lies ihn gehen. Der Page verbeugte sich nochmals - auch vor uns - und verließ das Schiff.

Verdutzt schauten wir Tyr an. Schließlich erzählten wir ihm von unserem kleinen Vorfall mit dem Dunkelelfen. Daraufhin erzählte uns Tyr, daß er auch von Luigi (seinem "Bekannten") gehört hatte, daß wir - oder genauer: Ineluki - in größten Schwierigkeiten steckte. Eine sehr mächtige Person schien etwas gegen sie zu haben und setzte alles daran, Ineluki zum Schweigen zu bringen. Geld schien jedenfalls bei dieser Person keine Rolle zu spielen, denn die angeheuerten Dunkelelfen sind allem Anschein nach spezialisierte Mörder und zudem sehr teuer!
Zusätzlich erfuhr Tyr, daß vor vier Tagen eine Frau mit einem kleinen Gefolge (einem Diener und vier weiteren Personen) in Richtung der Kargen Höhen aufgebrochen war. Das war natürlich eine glänzende Information!
Ansonsten schien sich Tyr geradezu blendend amüsiert zu haben, auch wenn er nicht direkt erzählte. Aber seine Andeutungen waren schon vollkommen ausreichend.

Dann bereitete Tyr uns noch ein Abendessen und wir legten uns erschöpft schlafen.