03. Pflugzeit 2512

Ich wachte früh am nächsten Morgen auf. Tyr schlief noch tief und fest. Er mußte wirklich tief ins Glas geschaut haben, er lag noch mit voller Montur im Bett.
Dann fiel mein Blick auf den kleinen Tisch im Zimmer. Ich war mir absolut sicher, gestern war er noch leer. Jetzt lag darauf ein kleiner Lederbeutel. Neben dem Tisch befanden sich ein Brustpanzer und ein Helm, beide vollkommen mit Blut bespritzt und beide Teile hatte ich noch nie zuvor gesehen.

Irgend etwas war hier ganz faul!
Ich schaute rasch in den Lederbeutel und fand einige Kronen. Eines war klar: bevor ein Fremder diesen Raum betreten durfte, mußte hier erst einmal einiges in Ordnung gebracht werden.
Also nahm ich den Lederbeutel an mich und reinigte die Rüstungsteile so gut es eben ging.

Dann klopfte es verhalten an der Tür. Ich ging hin und öffnete einen Spalt breit. Es waren Schauerleute, zwei an der Zahl. Sie hatten einen Seesack bei sich und sagten, sie würden die Trophäen vorbei bringen. Tyr hätte sie am gestrigen Abend vergessen.

Die ganze Sache wurde immer eigenartiger! Aber diese Beiden waren nur einfache Boten; sie konnte ich bestimmt nicht fragen. Mir fehlten ohnehin noch viel zu viele Informationen. Ich wollte einfach nicht glauben, daß Tyr noch etwas anderes getan hatte, als zwei oder drei über den Durst zu trinken. Also nahm ich den Schauerleuten den Seesack ab, gab ihnen noch eine Krone und schloß die Tür.

Ich muß wohl zugeben, daß ich neugierig war, was sich denn in dem Sack befand. Ich hatte mit vielerlei gerechnet, daß als "Trophäe" hätte bezeichnet werden können, aber nicht mit dem was ich sah, als ich den Sack schließlich öffnete.
Ich war schockiert! Das war einfach grausam! Im dem Seesack befanden sich fünf Schädel, fein säuberlich von Rumpf getrennt und allen waren die Augen ausgestochen worden!
Zum Glück war ich Arzt, so daß mir der Anblick der Schädel zumindest nicht fremdartig war. Aber das hier war doch noch ein paar Stufen schrecklicher!

Was jetzt? Nun hieß es einen klaren Kopf bewahren. Ich mußte nachdenken.
Zuerst den Sack weg. Zum Glück war noch Platz in unserem Schrank, so konnte ich ihn dort leicht verstauen. Die neue Rüstung stellte ich zu den Sachen von Tyr, damit sie wie seine aussah.
Jetzt mußte ich aber wissen, was vorgefallen war. Also weckte ich Tyr.

Verschlafen und mit einem schmerzverzerrten Gesicht sah er mich an. Er habe wahnsinnige Kopfschmerzen klagte er. Ich wollte wissen, wo er letzte Nacht war und was er getan habe, doch er wußte nichts mehr.
Ich fragte immer wieder, doch das einzige was er noch wußte war, daß er am Abend noch jemanden treffen wollte, um noch in einer anderen Kneipe weiter zu trinken. Doch in welche Kneipe sie gegangen sind wußte er schon nicht mehr, geschweige denn, wie lange sie weg waren oder was sie getan haben.
Eigentlich war er nicht einmal sicher, ob er überhaupt die Herberge verlassen hatte.
Selbst als ich ihn ganz direkt nach der Rüstung und den Köpfen frage, rührt sich bei ihm nichts.

Nur die Kopfschmerzen, die würden immer mehr, sagte er.
Das machte mich langsam stutzig. Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht sind sicher unangenehm, aber soweit ich Tyr bislang kennengelernt hatte, würde ihm, das nicht so viel ausmachen wie es im Moment scheint. Außerdem, dieser Totalausfall, wenn hier nicht noch etwas anderes als Alkohol im Spiel war.
Ich beschloß, ihn mal etwas genauer zu untersuchen.

Ich taste seinen Kopf ab, bis ich plötzlich eine etwas weichere Stelle finde. Eigentlich, zumindest soweit es Dr. Sulimann mich gelehrt hatte, gibt es keine weichen Stellen auf der Stirn, daher drückte ich hier ein wenig um zu fühlen, ob es vielleicht eine Beule sein könnte.
Doch in dem Moment unterdrückte Tyr einen Schrei. Hier würde es höllisch weh tun, sagte er.
Dann gab es nur eins: dies hier war ein Fremdkörper, denn ich heraus operieren mußte.
Ich erläuterte dies kurz Tyr, worauf er sich mit der Operation einverstanden erklärte. Dann holte ich mein Werkzeug heraus, desinfizierte die Stirn und setzte einen Schnitt.

In dem Moment wurde Tyr bewußtlos. Das war sicher eine weise Entscheidung, denn was ich nach meinem nächsten Schnitt sah, ließ mich ein weiteres Mal erschauern.
In Tyr bildete sich ein drittes Auge. Es war eine dieser chaotischen Veränderungen, die ich schon so oft bei Leichen gesehen hatte, die ich mit Dr. Sulimann obduziert hatte.
Aber hier, in unserer Gruppe, bei Tyr, das war nun doch etwas ganz anderes! Mit zitterten leicht die Hände, aber ich mußte weiter machen. Dieses Ding mußte weg!
Also setzte ich noch zwei Schnitte, wobei ich mit einem nur knapp die Kopfschlagader verpaßte. Mir lief kalter Schweiß die Stirn herab! Gerade noch mal gut gegangen!
Als ich endlich dieses Auge entfernt hatte, verbrannte ich es gleich und vernähte die Wunde.
Dann setzte ich mich hin und atmete tief durch. Soeben hatte ich meine erste Operation ohne Assistenz überstanden und mein Patient lebt noch! Welch ein Morgen!

Dann klopfte es wieder kurz an die Tür und Sora und Ineluki kamen herein. Davon wachte auch Tyr wieder auf.
Nachdem nun alle beisammen waren, schilderte ich noch einmal kurz was ich heute morgen sowohl bei uns im Zimmer als auch hinter Tyrs Stirn fand. Daraufhin wollten sich Sora und Ineluki sicherheitshalber auch untersuchen lassen.
Doch hier fand ich keine Abnormalität. Dennoch ging es Ineluki auch noch heute morgen nicht besonders gut. Sie mußte sich zwar noch nicht übergeben, aber das flaue Gefühl im Magen ging auch nicht weg.

Dann klopfte es wieder an der Tür. Diesmal jedoch wesentlich energischer.
Ineluki öffnete. Es war die Stadtwache. Sie bat uns herunterzukommen um einige Dinge klarzustellen. Nun ja, eigentlich "bat" sie uns nicht, sondern forderte uns höflich aber bestimmt auf, ihren Anweisungen Folge zu leisten.
Was blieb uns schon übrig? Wir gingen also hinab in die Wirtsstube.

Es wurden die üblichen Fragen gestellt: wo wir gestern waren, wann wir ins Bett gegangen sind, ob uns jemand gesehen hat, naja eigentlich nicht besonderes.
Nachdem ich gefragt hatte, was denn passiert sei, wurde uns gesagt, daß dieser Weltuntergangsprediger, der gestern auf uns gezeigt hatte heute tot aufgefunden wurde.
Ich fand den Verdacht einfach lächerlich. Wir wurden jedoch beruhigt, es sei alles nur Routine.

Erst als die Sprache auf Tyr kam wurde es kritisch. Er wußte nun rein gar nichts mehr vom gestrigen Abend. Nach Aussage des Wirts ist Tyr so gegen neun einfach gegangen. Merkwürdigerweise soll Tyr hier noch recht nüchtern gewesen sein.
Schließlich kam heraus, daß Tyr dann um etwas zwei Uhr nachts zurückgekommen war. Nachdem er niemanden hatte, der ihn irgendwie entlasten konnte, wollte die Stadtwache unser Zimmer in Augenschein nehmen.

Jetzt wurde es kritisch! Wenn sie die Köpfe fänden, wäre alles aus. Aber wie sollten wir sie ablenken? Ich wußte nicht mehr weiter.
Die Wache ging hoch, durchsuchte unser Zimmer, kam mit schnellen Schritten wieder zurück und sprach mit dem Wachmeister. Daraufhin sagte er uns, wir sollten uns noch bereit halten, falls er noch Fragen hätte, aber ansonsten sei alles geklärt. Dann liefen sie schnellen Schrittes aus der Gaststube.

Geklärt??? Jetzt verstand ich überhaupt nicht mehr.
Wir liefen sofort auf unser Zimmer. Die Köpfe waren weg und das Fenster war auf! Hier hatte uns jemand geholfen! Das Ganze wurde immer nebulöser.
Wir diskutierten eine Zeitlang doch es löste sich nicht auf.

Dann gingen Ineluki und ich wieder zur Gilde um unseren Lohn und die Arbeit des Tages abzuholen. Dort erfuhren wir, daß auch der Lagerwächter, den Tyr tags zuvor befragt hatte, tot im Fluß gefunden wurde.
Man bat mich, der Obduktion beizuwohnen und mein Urteil abzugeben. Ich sagte selbstverständlich zu.
Ineluki und ich besprachen uns kurz, dann ging sie zurück in die Herberge und ich zur Gilde der Klager. Auf dem Weg dorthin traf ich zwei Schauerleute, die mich eindringlich warnten, weiter nach Altdorf zu fahren und uns nicht mit Dingen zu befassen, die uns nichts angehen.
Ich erwiderte nichts darauf und ging weiter. Heute war wirklich ein merkwürdiger Tag!

Bei der Gilde angekommen, wurde ich in den Raum für die Obduktionen geführt. Er war wie üblich gekachelt und sehr sauber.
Als erstes kam der Lagerwächter dran.
Er wies die üblichen Merkmale einer Wasserleiche auf: aufgedunsenes Gesicht, blasse Haut, wäßriger Körper. Er hatte keine äußeren Verletzungen. Es gab hier nur zwei Möglichkeiten: entweder er fiel in seinem Suff ins Wasser oder es wurde etwas nachgeholfen. Nachdem es für letzteres aber keine Hinweise gab, wurde "Tod durch Ertrinken/Unfall" ins Protokoll geschrieben.

Die zweite Leiche war der Prediger.
Er hatte weggerissene Fleischfetzen am Hals und im Brustbereich. Das sah überhaupt nicht gut aus. So sehr ich mich jedoch bemühte, ich fand keinen Hinweis, wie das zustande gekommen war. So mußte denn leider "unbekannte Todesursache" ins Protokoll.

Die dritte und vierte Leiche waren Bettler, denen ebenfalls Fleischfetzen fehlten. Dem einen war sogar sein Herz herausgerissen worden. Es sah schrecklich aus!
Hier mußte doch etwas zu finden sein! Ganz genau untersuchte ich die Verletzungen, die Ränder, den Blutverlust - und plötzlich wurde ich fündig! Eine abgebrochene Kralle! Ich kannte zwar kein Tier mit einer solchen Kralle, aber nach meinen Erlebnissen der letzten Tage dachte ich auch eher an eines dieser Chaos-Wesen.
Ich nahm die Kralle vorsichtig heraus und zeigte sie den anderen Ärzten. Doch als sie kamen und meinen Fund begutachten wollten, war die Kralle verschwunden!
Das gibt es doch nicht! Wir suchten zwar noch am Boden, doch ich war mir sicher, daß ich sie nicht fallengelassen hatte. Sie hatte sich einfach in Luft aufgelöst!

Nach der Obduktion unterhielt ich mich noch mit einem der Ärzte. Er erzählte mir, daß der Mond gestern Nacht recht unheimlich gewesen war. Ich hatte ja schon das ein oder andere Geschwätz gehört, doch irgend etwas mußte da schon stimmen.
Der Arzt sagte mir, daß der Mond ziemlich genau um Mitternacht besonders hell geleuchtet hatte und dabei nach unten auf Bögenhafen geschaut und gelächelt habe!
Ich wußte nicht, was ich davon zu halten hatte, aber immerhin war er Arzt und mir schien nicht, daß er phantasieren würde.
Nachdenklich ging ich zurück in die Herberge.

Ich erzählte den anderen was sich bei der Obduktion ergeben hatte.
Die Situation war einfach verworren. Wir diskutierten hin und her, aber es wurde einfach nicht klarer. Was war hier eigentlich los? Welche Mächte spielten hier mit oder gegen uns? Welche Rolle spielte Maltusius Zokobaya? Spielte er überhaupt eine Rolle? Und dieser Prediger?
Fragen über Fragen aber keine Antworten. Ich wollte versuchen, Steven zu fragen. Vielleicht ist er ja inzwischen wieder zurück gekommen und weiß etwas.

Also gingen wir wieder zur Gilde. Ich fragte nach Steven, doch er war immer noch nicht zurück. So beschlossen wir, noch einmal zum Markt zu gehen und einzukaufen. Ineluki brauchte noch ein paar silberne Hämmer (wofür auch immer). Anschließend aßen wir zu Mittag.

Es mußte doch etwas heraus zu finden sein. Vielleicht sollten wir bei Tyr und seiner Mutation beginnen.
So gingen wir nach unserem Mahl zurück zur Herberge an die Bar und befragten den Barkeeper. Doch viel konnte er uns auch nicht sagen. Tyr hatte sich scheinbar prächtig unterhalten (wovon Tyr allerdings auch nichts mehr wußte!) und ist gegen neun Uhr einfach gegangen. Er hatte nicht einmal sonderlich viel getrunken, war also noch praktisch nüchtern.
Hier kamen wir nicht weiter. Also fragten wir nach der Lagerhalle. Davon konnte der Wirt nun mehr erzählen. Sie gehöre den Steinhägers, einer reichen Händlerfamilie. Auf unser Nachfragen hin erfuhren wir, daß es recht integere Leute sind, die ihr Geld mit Wolle und Metallen verdienen.
Nachdem wir sonst nichts mehr erfuhren, gingen wir zurück auf unser Zimmer und besprachen die Situation. Aber je mehr wir diskutierten um so weniger kam dabei heraus. Unsere Köpfe rauchten bereits, aber nirgends war ein Licht, das uns den Weg aus dem Dunkel zeigte.

Am Abend klopfte es erneut an der Tür. Diesmal war es ein Bote, der eine Botschaft für "Ti'Dyr aus Nuln" brachte, wie er wörtlich sagte. Tyr solle die Stadt vor dem nächsten Abend verlassen, sagte er. Auf unsere Frage, wer denn ihm denn die Botschaft gab, sprach der Bote von einem schwarzen Ritter, der sich als Freund Tyrs ausgegeben hatte, stammte. Er traf den Mann draußen vor der Stadt.
Wir bedankten uns und der Bote ging von dannen.
Die ganze Sache hatte nur einen Haken: Tyr kannte überhaupt keinen schwarzen Ritter, schon gar keinen, der sich sein Freund nennen konnte. Und wieder kam eine neue Frage ohne Antwort hinzu.

Ich beschloß, noch einmal zur Gilde zu gehen. Vielleicht war Steven ja jetzt endlich zurück.
Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, daß der Mond nun extrem tief hing. Er schien fast die Stadt zu berühren, so groß war er. Und noch etwas bemerkte ich: der Mond schien ein Gesicht zu haben. Ganz deutlich sah ich, wie er sich mit seiner roten Zunge die Lippen leckte und dabei auf Bögenhafen herab blickte.
Mir war ganz unheimlich. Die Augen des Mondes schienen mich auf meinem Weg zur Gilde zu verfolgen. Ich war heilfroh, als ich endlich ankam.

Steven war immer noch nicht zurück. Langsam begannen sich auch die Gildenmitglieder Sorgen zu machen. Sie versprachen, mich sogleich zu informieren, sobald Steven wieder gesichtet würde.
Auf dem Rückweg verbarg ich mein Gesicht, um nicht von dem Mond gesehen zu werden.

In der Herberge angekommen, erzählte ich von dem Mond. Ineluki meinte daraufhin, daß in der heutigen Nacht der Mond am tiefsten steht. Es beruhigte mich keineswegs!
Dann diskutierten wir weiter. Irgendwann in der Diskussion wollte sich Sora versichern, daß wir doch wegen des Schafsfestes nach Bögenhafen gekommen sind - so verwirrt waren wir inzwischen. Letzten Endes wollten wir doch noch mal zur Lagerhalle gehen, um vielleicht dort eine Antwort auf unsere Fragen zu finden.

(Anmerkung des Meisters (nach längerer Diskussion): "Entweder wir hören jetzt auf oder wir spielen noch etwas und hören dann auf.)"

Draußen war dichter Nebel. Der Mond hing wie ich schon beschrieben hatte sehr tief über Bögenhafen und schien uns zu beobachten. Wir gingen rasch bis zum Ostendamm wo die Lagerhäuser waren.
Lagerhaus Numero vier war leicht zu finden, aber es war gut bewacht. Diesmal stand ein vollkommen nüchterner Wachmann mit einem scharfen Hund davor und beobachtete das Gelände. Wir sahen keine Möglichkeit hier einzudringen.
Um vielleicht doch noch etwas zumindest über die verschiedenen Händlerfamilien zu erfahren, gingen wir weiter zum Hafen, wo Josephs Schiff lag. Doch alle Lichter waren verloschen und so gingen wir enttäuscht zurück in die Herberge, um ihm morgen zu fragen.
Dann legten wir uns schlafen. Das war wirklich ein seltsamer Tag!