01. Pflugzeit 2512

Das Fest kann beginnen!
Schon am frühen Morgen wurden wir vom Lärm der Straße geweckt. Von unserem Fenster hatten wir einen guten Blick auf die Hafenstraße und was sich dort abspielte, war einfach unglaublich. So viele Menschen hatte ich noch nie auf einen Haufen gesehen!
Von überall kamen sie her zu diesem Feste. Ich freute mich schon darauf, auf den Festplatz zu gehen. Zudem war das Wetter herrlich - die Sonne schien und alle Probleme schienen wie weggeblasen.

Nach dem Frühstück gingen wir als erstes zur Gilde der Ärzte. So etwas darf man nie vernachlässigen - man kann sich sonst sehr viel Ärger einhandeln. Das hatte ich schon frühzeitig von Dr. Sulimann gelernt!
Unterwegs trafen wir auf eine Wahrsagerin, die uns aus der Hand lesen wollte. Tyr 'kannte" ja bereits seine Zukunft, aber Sora ging darauf ein.
Ihre Weissagungen waren wie üblich sehr schwammig - ich gab sowieso nicht viel auf diese Scharlatane.
Sie warnte Sora: "Hütet Euch vor der Spinne!" und "Hütet euch vor dem Mann, der kein Mann ist!" - was auch immer das bedeuten mochte. Dann gingen wir weiter.

Wir kamen vorbei am Götterplatz, an dem nahezu alle Götter ihre Tempel hatten. Hier waren alle Sorten von Menschen unterwegs: Arme, Reiche, Diebe, Bettler, Händler, Priester und fahrendes Volk. Zum Glück gab es auch recht viele Wachleute, so daß ich mir nicht allzu viel Sorgen machte.
Schließlich erreichten wir das weiß getünchte, prunkvolle Gebäude der Ärztegilde.

Vor dem Gebäude stand ein Kriegspferd und ein Packpferd, beide bereit zum Abmarsch.
Dann ging die Tür zur Gilde auf und heraus kam ein älterer Mann, gestützt auf einem Stock. Neben ihm stand ein prachtvoll gekleideter Mann mit einer roten Gewandung, schwarzen Reiterstiefeln, einer Schärpe und Duellpistolen an der Seite. Sein Gesicht konnten wir nicht erkennen, da er einen Mundschutz trug und die Kapuze seines Gewandes tief herunter gezogen war.
Ich rief einen Gruß zu, den der alte Mann erwiderte. Er lud uns zur Gilde herein. Daraufhin gingen wir die Treppe hoch zur Gilde, während der alte Mann und sein Begleiter zu den Pferden gingen.

Auf einmal hörte ich hinter mir eine herrische Stimme etwas in einer mir unbekannten Sprache rufen. Wir drehten uns um und Sora zog ihr Schwert.
Ich war ziemlich perplex, denn scheinbar hatte sie verstanden, was gerufen wurde.
Der Alte wurde plötzlich kreidebleich, denn der Mann im roten Gewand neben ihm legte die Hand an seinen Degen. Mit der anderen Hand nahm er sich den Mundschutz ab und warf die Kapuze nach hinten.

Mir blieb die Spucke weg! Das war gar kein Mann, sondern eine unglaublich hübsche Frau! Sie hatte auch nicht dieses fremdartige Wesen der Elfen, sondern war einfach begehrenswert.
Dann ergriff sie das Wort. Sie sprach verächtlich zu Tyr, woraufhin er sich natürlich verteidigte. Ein Wort gab das andere, dann forderte Sie ein Duell im Morgengrauen.
Ich war über die Wendung des Schicksals absolut nicht erfreut, wußte aber auch nicht so recht, was ich sagen sollte. In dem Moment fing Ineluki an, Tyr zu verteidigen.
Sie diskutierte kurz mit der Frau, erzählte etwas über Tyr und uns und bald darauf nahm Sie die Herausforderung zurück.

Dann stellten wir uns gegenseitig vor.
Der alte Mann hieß Steven, war Arzt und arbeitete hier in der Ärztegilde. Sie selbst nannte sich Aisha de la Rojo aus dem Haus des roten Falken.
Alles weitere wollten wir aber nicht mehr unter freiem Himmel besprechen und so lud Sie uns in ein Gasthaus ein. Ich erwähnte noch den eigentlichen Zweck meines Besuches hier, schließlich mußte ich der Gilde noch meine Aufwartung machen. Daraufhin sprach Aisha kurz mit Steven, woraufhin dieser mir zu verstehen gab, daß er sich um alles kümmern werde und er mir zu Diensten sein werde.

Dann gingen wir in die goldene Forelle, ein Gasthaus nur unweit entfernt von der Gilde.
Am Eingang stand ein livrierter Diener. Das sagte schon alles. Wir waren alle sehr froh, daß Sie uns eingeladen hatte.
Am Eingang bat man uns um unsere Waffen, die von weiterem Personal entgegengenommen und verschlossen wurde.
Aisha fragte nach einem Platz im Salon. Zwei weitere Diener führten uns in den hinteren Teil des Gasthauses, öffneten die zweiflügelige Tür zum Salon und zeigten uns an, am Tisch Platz zu nehmen.

Welch ein Prunk!
Linnene Tischdecken, Geschirr aus feinem Porzellan, silbernes Besteck und edle Leuchter. Insgesamt vier Diener standen regungslos an der Wand, lauernd auf die kleinste Handbewegung um uns zu Diensten zu sein.
Einfach unglaublich!

Kaum saßen wir, kam sofort einer der Diener her und fragte uns nach unseren Wünschen. Aisha bestellte einige kalte Speisen und wir orderten die Getränke.
Dann hub Aisha an.

Tyr trage den Ring des Clans der Wölfe, sagte sie.
Wir wollten natürlich sofort wissen, was es mit diesem Clan auf sich habe.
Die erzählte, daß es inzwischen diesen Clan nicht mehr gebe. Er wurde vor langer Zeit von den Hexenjägern ausgelöscht. Die Aufgabe der Wölfe war damals Chaoskrieger und Nekromanten zu jagen und zu töten. Aber jeder kämpfte allein und das war letzten Endes auch ihr Verhängnis.
Die Hexenjäger dagegen waren organisiert. Aber wir sollten sie nicht mit dem Chaos verwechseln, warnte sie uns. Es waren Kämpfer des Glaubens, Männer, die für die Priester kämpften. Sie sahen in allem was nicht gottesfürchtig war eine Gefahr. Und so bekämpften sie auch den Clan der Wölfe.
Wir fragten auch nach dem Meister der Wölfe. Dieser, so sagte sie, wohnte in einer Trutzburg mitten in den Bergen umgeben von Wölfen. Er lebte mit ihnen, als wären es seine Söhne.
Seine Jäger kamen immer nur kurz zu ihm und nahmen seine Aufträge in Empfang. Von seiner Festung aus kontrollierte er alle Aktivitäten, wobei er selbst diese wohl nie verlassen hatte.

Wir fragten sie noch, was sie hier mache, was ihre Profession sei und wo sie herkomme.
Sie sei Gerichtsstreiterin, sagte sie. Wolf (beziehungsweise Tyr) wurde hellhörig. Sie erklärte uns, was ihre Aufgabe war und bot Wolf an, nachdem er doch sehr interessiert schien, bei ihr das ein oder andere zu lernen.
Sie wollte hier nur das Fest genießen und dann weiter nach Kießlev, wobei sie unterwegs noch in Delberz Halt machen wollte. Dort sei Hieronymus Blitzen, ein Bekannter von Dr. Morgenes den sie gerne wiedersehen würde. Plötzlich war es an Ineluki, die (ohnehin nicht allzu kleinen) Ohren zu spitzen. Scheinbar kannte sie auch diesen Magier, denn das war Hieronimus wie ich durch Nachfragen herausbekam.

Es war schon merkwürdig, wir sprachen noch über einige Personen, aber Aisha schien alle zu kennen. Selbst meinen Meister, Dr. Sulimann kannte sie. Und auch Soras Mutter war ihr nicht fremd.
Vielleicht kannte sie auch Herrn Kuftsos oder Herrn Lieberung dachte ich mir und fragte nach. Leider hatte ich bei diesen Namen kein Glück - von ihnen hatte sie bisher noch überhaupt nichts gehört.
Dann fuhr sie fort.

Sie selbst hatte eine kleine Baronie bei den Grenzgrafschaften zusammen mit ihrem Mann, in denen sie normalerweise weilt. Ihr Mann hatte wohl mit dem Clan der Wölfe zu tun, denn er wurde zumindest einmal von einem der Mitglieder besucht.
Sie selbst hatte sich allerdings nie allzu sehr darum gekümmert.

Als sie fertig gespeist hatte, sagten wir ihr noch, daß wir auch in Delberz fahren werden, und daß wir sie möglicherweise dort treffen könnten. Dann wünschte sie uns noch einen schönen Tag und ging von dannen.

Wir aßen und tranken noch weiter, denn Speis wie Trank waren von höchster Güte. Dabei berieten wir kurz den Tag. Schließlich waren alle fertig - Tyr steckte sich noch einige Reste unter sein Hemd - und wir verließen die Lokalität.

Zunächst gingen wir zur Ärztegilde - schließlich mußte ich mich um Arbeit bemühen, nachdem klar war, daß das Dokument eine Fälschung war und ich doch nicht über 20.000 Kronen verfügen kann.
Bei der Gilde trafen wir Steven, der zunächst mir eine Anstellung für die Zeit unseres Aufenthaltes gab. Der Lohn war gut. Es gab 30 Kronen pro Tag - egal ob Arbeit anfiel oder nicht. Bei schwierigen Fällen gab es noch eine zusätzliche Entlohnung. Es war deutlich der Einfluß von Aisha zu spüren.

Dann fragte auch Ineluki, ob sie nicht vielleicht Übersetzungen für die Gilde machen könnte. Nachdem sie einer Vielzahl von Sprachen mächtig war, wurde auch sie sogleich angestellt.
Auch ihr Lohn war nicht schlecht: 20 Kronen pro Tag waren eine stattliche Summe. Nun waren wir zumindest fürs erste unsere Geldsorgen los.
Schließlich fragten wir noch nach einer Unterkunft und uns wurde der Gasthof "Am Nulner Weg" unmittelbar bei der Gilde empfohlen. Wir sagten zu.

Dann verabschiedeten wir uns von Steven und gingen in das Gasthaus.
Hier erwartete man uns bereits. Wir wurden auf unsere Zimmer geführt und ließen unsere Sachen dort. Die Zimmer waren ordentlich und sauber. Hier würden wir es aushalten können.
Dann gingen wir auf den Markt.

Das Fest war überall! So viele Menschen habe ich noch nie auf einen Haufen gesehen. Wir bahnten unseren Weg durch die Menschen und kamen schließlich zu einem Platz, in dem ein kleines Männchen seinen Ringer anpries und die Herumstehenden herausforderte gegen ihn zu kämpfen.
Wir schauten eine Weile zu.

Auf einmal kam ein schwarz gekleideter Mann und flüsterte mit Tyr. Es ging scheinbar um einen Kampf. Mir war gar nicht wohl dabei. Der Schwarzgekleidete machte Tyr ein Zeichen. Daraufhin erläuterte Tyr uns kurz worum es ging, und daß er hier auch sein Geld verdienen wolle. Wir konnten ihn nicht davon abhalten. Dann folgten wir dem Mann in eine dunkle Kaschemme.

Dort bestellten wir uns alle ein Bier. Es schmeckte greulich nach den phantastischen Getränken in der goldenen Forelle.
Aber hier ging es auch um etwas anderes.
Der Mann bot Tyr einen Kampf an, die Börse sei 80 Kronen. Sein Gegner, die "Axt der grauen Berge" war ein furchtloser Zwerg, dessen Ruf schon vorauseilte. Der Kampf würde am heutigen Abend kurz vor Mitternacht im Westviertel stattfinden. Seine Leute würden ihn über den Fluß bringen und - falls er überleben sollte - auch wieder zurück.

Tyr sagte zu. Der Mann nickte kurz und verschwand dann.
Wir diskutierten noch kurz doch Tyrs Entscheidung stand fest. Dann ließen wir unser Bier stehen und verließen die Kneipe. Schließlich wollten wir noch auf den Turnierplatz.

Unterwegs trafen wir einen Langbogenträger. Sora sprach ihn sofort an. Uns schwante schon wieder Unheil.
Der Mann bot Sora einen Wettkampf an: Wer auf 50 Schritt einen Apfel treffe, gewinnt. Sein Einsatz war 20 Kronen. Wir waren etwas unentschlossen, doch Sora nahm die Herausforderung an - immerhin hatte sie auch in der Dunkelheit eine Laterne getroffen.

Sora machte den ersten Schuß und - verfehlt. Dann war der Mann an der Reihe, doch auch er traf das Ziel nicht.
Der zweite Durchgang sollte die Entscheidung bringen. Diesmal schoß der Mann zuerst und spaltete den Apfel.
Nun war es an Sora gleichzuziehen. Sie zielte genau, schoß und - haarscharf streifte der Pfeil den Apfel aber leider reichte das nicht. Der Mann gewann den Wettkampf.

Er bot Sora noch eine Revanche an. Diesmal soll die Schußweite 100 Schritt betragen. Er würde die gesamte Börse setzen, 40 Kronen, damit sie ihr Geld zurück gewinnen könne.
Sie ging darauf ein (nachdem Sora noch etwas Geld von mir geborgt hatte).

Der Apfel war gnadenlos weit entfernt - 100 Schritt ist schon sehr viel.
Sora erhielt wieder den ersten Schuß. Sie visierte das Ziel genau an, schoß und - traf! Wir jubelten laut.
Dann war der Mann an der Reihe. Auch er zielte genau, schoß und spaltete den Apfel in zwei Teile.
Es mußte erneut geschossen werden. Der Mann begann und verfehlte. Das war die Chance für Sora! Wieder nahm sie genau Maß hielt den Apfel im Auge und ließ die Sehne des Bogens schnurren, doch leider flog dieser Pfeil am Apfel vorbei.

Die dritte Runde sollte also die Entscheidung bringen. Sora mußte beginnen. Vielleicht war sie noch etwas enttäuscht von ihrem zweiten Schuß, jedenfalls zog sie schon den Pfeil etwas zu schnell auf, zielte nur kurz und verfehlte erneut.
Der Mann dagegen peilte sein Ziel genau an, hielt den Pfeil lange in der Sehne. Plötzlich schnellte er los und traf sein Ziel genau.
Wieder hatte Sora verloren!

Danach stellte sich der Mann vor. Er heiße Robert und sei Turnierschütze.
Er lud uns zum Trinken ein. Ein Angebot, das wir uns nur selten ausschlugen und so gingen wir mit ihm.
Er war eigentlich ganz in Ordnung. Er sagte uns, daß er normalerweise sein Geld auf Turnieren verdiene, aber hier auf dem Schafsfest leider nur ein Ritterturnier stattfände und andere Unterhaltungen nicht gewünscht wären. So mußte er durch kleine Wettkämpfe wie diesen sein Geld verdienen.
Sora wollte noch viel von ihm wissen. Wie man denn Turnierschütze werden könne, was man als Turnierschütze machen kann und wieviel man bei einem Turnier verdienen würde.
Schließlich bot er ihr an, sie ein wenig zu unterweisen und zu trainieren. Sora nahm dankend an.
Dann verabschiedeten wir uns von ihm und gingen wieder auf den Markt.

Um mich auf den heutigen Abend vorzubereiten, mußte ich unbedingt einige einfache Kleidung kaufen, denn ich durfte auf keinen Fall erkannt werden. Auf der anderen Seite mußte ich auf jeden Fall mitkommen, denn nicht auszudenken, Tyr würde etwas zustoßen.
Ich erstand mir also einen einfachen Mantel mit Kapuze, eine etwas schäbige Hose und ein Hemd.

Dann gingen wir weiter zum Turnierplatz. Wir hegten immer noch die Hoffnung, endlich etwas vom Turnier mitzubekommen.
Vor dem Turnierplatz sahen wir ein großes Zelt, an welchem gerade die letzten Handgriffe getan wurden. Davor stand ein Mann, der seine Attraktionen anpries: "Die absonderlichsten Monstrositäten! Unter größten Schwierigkeiten herbeigetragen und nur hier zu bestaunen! Kommt herbei! Kommt herbei und schaut!"
So ging es in einem fort. Als wir etwas näher kamen, sahen wir in der Nähe des Anpreisenden einen Käfig, in dem ein mürrischer Zwerg mit einem verfilzten Bart und abgestoßenen Kleidern einen Goblin an einer Kette hinter sich herzog.
Der Goblin war ca. einen knappen Schritt groß und hatte nur drei Beine. Er war eine armselige Kreatur, dürr anzusehen und bekleidet nur mit einem Ledenschurz.

Der Zwerg führte gerade den Goblin aus dem Käfig um ihn den Zuschauern zu präsentieren. Plötzlich sah der Goblin Ineluki, bekam riesige Augen, entriß sich seinem Bewacher und flüchtete in der Menge.
In dem Moment sah auch der Zwerg zu Ineluki und brüllte sie an. Ineluki wußte überhaupt nicht wie ihr geschah und schaute nur fassungslos.

Inzwischen war der Goblin in Richtung Stadtmauer geflüchtet. Alarmiert durch die plötzliche Unruhe haben zwei Stadtwachen sofort die Verfolgung des Goblins aufgenommen.
Zwei weitere Stadtwachen kamen zu Ineluki. Sie forderten sie auf mitzukommen.
Also gingen wir gemeinsam - denn selbstverständlich begleiteten wir Ineluki - mit der Stadtwache an ein weiteres Zelt. Es war mit schwarzem Tuch behangen und am Eingang standen zwei weitere Wachen.
Bevor wir hineingingen bemerkte ich noch mit einem Augenwinkel, daß die Verfolgung des Goblins wohl nicht zum Erfolg geführt hatte, denn die zwei Wachen kehrten ohne einen Goblin zurück.

Neben dem Zelt standen zwei Käfige: In einem war ein Zwerg, armselig anzusehen. Tyr fragte, was mit ihm sei. "Ein Fall von Trunkenheit", sagte der Wachhabende, "er konnte seine Zeche nicht zahlen.". Tyr fragte nach seiner Schuld und - nachdem er erfahren hatte, daß es lediglich eine Krone war - beglich sie.
Dankbar schaute der Zwerg Tyr an, als ihm das Schloß geöffnet wurde.
Der anderer Käfig war leer. Dann traten wir ein.

Im Zelt war ein Schnellrichter. Er machte seinem Namen alle Ehre. Es dauerte nicht lange und wir waren an der Reihe.
Inzwischen war auch der Besitzer dieser Schau dazugekommen und machte uns die wildesten Vorwürfe. Da wir so nicht weiterkamen, fragten wir den Richter, was uns vorgeworfen wurde.
"Erregung öffentlichen Ärgernisses", war seine Antwort. Wir waren damit natürlich nicht einverstanden und so wurde weiter verhandelt.
Der Besitzer, Maltusius Zokobaya beruhigte sich bald wieder, wollte aber unbedingt seinen Goblin wiederhaben. Er bot uns 100 Kronen, falls wir ihm den Goblin lebend wiederbringen würden.
Für den Richter war der Fall damit abgeschlossen und wir verließen das Gerichtszelt.

Draußen versprachen wir Zokobaya zu helfen. So fragten wir also einen der verfolgenden Wächter, wohin denn der Goblin geflüchtet sei. Er gab uns wenig Hoffnung ihn je wieder zu finden, denn er war in die Kanalisation unweit der Stadtmauer geflohen.
Nachdem wir es aber unbedingt versuchen wollten, zeigte uns der Wächter den Einstieg.

Es stank abscheulich. Wir beschlossen, daß Ineluki und ich oben bleiben würden um Wache zu halten, während Sora und Tyr nach dem Goblin suchen wollten.

Wir warteten eine geraume Zeit. Zwischendurch ist uns mehrfach der Gedanke gekommen, daß es vielleicht doch keine so gute Idee war die beiden allein gehen zu lassen. Andererseits waren bei sehr schlagfertig und konnten sicher gut mit einer Gefahr umgehen.
Dennoch begannen wir uns Sorgen zu machen. Wir wollten gerade hinabsteigen um die beiden zu suchen, da hörten wir Schritte und bald waren Tyr und Sora wieder wohlbehalten auf der Erde.

"Wohlbehalten"? Naja, Sora stank wie sieben Ochsen und beide waren kreidebleich.
Sofort fragten wir, was vorgefallen war - den Goblin hatten sie jedenfalls nicht dabei.

Tyr fing an zu erzählen.
Sie waren ein gutes Stück durch die Kanalisation gelaufen, da lag auf dem Boden eine Gestalt. Beim Näherkommen erkannte Tyr den Zwerg, den er aus dem Gefängnis befreit hatte.
Er war tot. Seine Arme und Beine waren abgerissen und lagen verstreut umher. Es muß ein gräßlicher Anblick gewesen sein!

Unweit von der Fundstelle entfernt bemerkten sie auf einmal eine Tür. Kurz entschlossen traten sie ein. Innen war ein mittelgroßer Raum mit einem auf dem Boden gezeichneten, fünfzackigen Stern in der Mitte. Ihrer Beschreibung zufolge dürfte es sich um ein Pentagramm gehandelt haben. Außerdem war in der Nähe des Sterns etwas grünlicher Schleim auf dem Boden - hierbei handelte es sich um das Blut des Goblins, wie Tyr und Sora später erfuhren.
Es blieb nicht viel Zeit den Raum genauer zu untersuchen, denn plötzlich erschien aus der Mitte des Pentagramms Rauch, der sich nach wenigen Sekunden in eine gräßliche Gestalt mit einem schuppigen Panzer und zwei Hörnern am Kopfe verwandelte.
Mit einer tiefen, rauchigen Stimme sprach das Wesen Tyr und Sora an. Sie sollten sofort von hier verschwinden, sonst würde es ihnen gleich genauso ergehen wie dem kleinen Goblin, den er kurz zuvor verspeist hatte.
Ohne lange zu überlegen flüchteten sie.
Auf dem Rückweg stolperte Sora und fiel in die stinkende, braune Kloake. Aber zum Glück kamen sie zumindest lebendig an.

Nach Tyrs kurzer Schilderung suchten wir erst einmal einen Brunnen auf, um Sora zu reinigen.
Das Wasser half zwar, den gröbsten Schutz zu beseitigen, aber es reichte noch nicht. So gingen wir in die Stadt, kauften Seife, und ließen Sora sich ordentlich am Fluß waschen.
Nachdem ihre Kleidung ebenso unansehnlich war, kauften wir kurzerhand neue, so daß sie nun wieder unter Menschen konnte.

Dann gingen wir zum Gericht.
Dort erzählte man uns, daß der Goblin bei den Lagerhallen von einem Wächter erschlagen wurde.
Irgend etwas stimmte hier nicht! Aber um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, hielten wir uns zurück und sagten nicht von Tyrs und Soras Erlebnissen.

Nachdem nun der Fall zumindest offiziell geklärt war, gingen wir zurück.
Ich besuchte noch die Gilde, um etwas mehr über Kräuter zu lernen. Die Bibliothek der Gilde war wirklich nicht zu verachten!

Am späten Abend ging ich zurück in die Herberge und wir aßen von den Leckereien, die Tyr noch aus der "Goldenen Forelle" mitgenommen hatte.
Danach zog ich mich um und steckte das nötigste an ärztlichem Gerät und Verbandszeug ein. Die anderen drei machten sich ebenso bereit und dann gingen wir los zur Fähre. Auf der Straße zog ich noch meine Kapuze tief ins Gesicht, damit ich auf keinen Fall erkannt werden konnte.

Wir kamen gut durch die Stadt. Ich war mir ziemlich sicher, daß uns niemand gefolgt ist.
Bei der Fähre angekommen, gingen wir zu dem Fährmann, fragten nach dem Preis und ließen uns übersetzen.
Am anderen Ufer wurden wir bereits erwartet. Zwei breitschultrige Männer standen bereit und nahmen uns in Empfang. Tyr sprach mit ihnen kurz, dann gingen wir los.

Auf dieser Seite der Stadt waren die Gassen dunkler, schmaler, gefährlicher. Es war kein Ort in dem ich gerne alleine spazieren gehen würde.
Nach einiger Zeit kamen wir an einen Hinterhof. Durch diesen gingen wir hindurch bis zu einer Scheune, in wir schließlich eintraten.
Die Scheune war erhellt von Fackeln. Sehr viele Menschen waren da. Alle waren einfach gekleidet und die meisten verbargen ihre Gesichter. Immer wieder kam es vor, daß wir an Leuten vorbei gingen, die sehr intensiv nach Parfum rochen. Dies war der Adel, den Tyr meinte! Und dafür kämpfte er? Es war wohl noch nicht genug Zeit ins Land gegangen, damit ich das verstehen konnte.

In der Mitte der Scheune war eine Art Arena umrandet von einer provisorischen Tribüne auf der die Zuschauer Platz nehmen konnten.
Tyr wurde zur Arena begleitet. Ich sprach mit unserem "Begleiter", ob er im Falle einer schweren Verletzung Tyrs, ihn sofort hier heraus bringen könnte.
20 Kronen später sicherte er mir das zu.

Wir setzten uns auf unsere Plätze, als eine weitere Person hereintrat und uns eine Wette anbot: drei zu eins für Tyrs Gegner, der "Axt der grauen Berge". Ich setzte alles was ich noch hatte (10 Kronen) auf Tyr.
Dann ging es los.

Die Menge johlte. Mit einer Handbewegung gebot der Kampfrichter Ruhe. Sofort war es still. Man hörte nur noch vereinzelt ein verhaltenes Flüstern. Der Kampfrichter stellte dann die Gegner einzeln vor, wobei jedesmal die Zuschauer applaudierten und den Kämpfern zuriefen.
Tyrs Gegner war ein sehr gut gerüsteter Zwerg mit einer gigantischen Axt. Seine Arme und Beine waren frei, so daß man seine Tätowierungen sehen konnte. Seine Augen waren blutunterlaufen und mit einem gefährlichen, leicht wahnsinnigen Grinsen sah er Tyr an. Unbeeindruckt davon blickte Tyr dem Zwerg in die Augen.
In diesem Augenblick war mir Tyr sehr fremd. Er war irgendwie in einer anderen Welt.

Doch mir blieb keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, denn dann begann der Kampf.
Die Stimmung war aufgeputscht - die Menge schrie als die Kämpfer aufeinander losgingen.

Der Zwerg holte mit seiner Axt aus versetzte Tyr einen mächtigen Schlag. Mir blieb das Wasser im Halse stecken, doch Tyr überstand den Hieb. Er blutete am Arm.
Dann schlug Tyr zu, doch der Zwerg sah den Hieb voraus und wich aus.
Erneut holte der Zwerg aus und abermals mußte Tyr den Schlag der Klinge einstecken. Nun blutete er schon an beiden Armen. Lange würde er den Kampf nicht überstehen. Ich wurde langsam nervös.

Voller Wut stieß nun Tyr zu und ehe der Zwerg zur Seite springen konnte traf ihn das Schwert.
Es war klar, daß sich der Zwerg dieses nicht lange gefallen lassen würde. Mit unbändiger Kraft ließ er seine Axt auf Tyr niedersausen. Ich sah schon Tyrs letztes Stündlein anbrechen, doch mit einer schnellen Bewegung wich er der Axt aus. Diese sauste um Haaresbreite an seinem linken Arm vorbei und bohrte sich in den Boden.
Das war Tyrs Chance. Sofort schlug er mit dem Schwert auf seinen Arm. Der Zwerg wollte zwar noch ausweichen, doch er war zu langsam. Das Schwert drang tief in den Arm ein.
Der Zwerg schrie auf, doch noch hatte er seine Axt nicht wieder. Erneut schlug Tyr zu und wieder traf er. Diesmal fing das rechte Bein des Zwergen zu bluten an.

Dann endlich bekam der Zwerg die Axt aus dem Boden. Es war unfaßbar: der Zwerg stand immer noch und wollte weiterkämpfen.
Als ob nichts wäre holte er aus und attackierte Tyr erneut. Inzwischen war Tyr aber geschmeidig wie eine Raubkatze. Ich hatte das Gefühl, er bekam von dem ganzen Getöse um ihn herum absolut nichts mit.
Behende wich er dem Schlag aus und führte sogleich den Gegenangriff.
Damit hatte er den Zwerg überrascht. Kraftvoll bohrte sich das Schwert Tyrs in die Seite des Zwergen und drang vor bis in dessen Herzen.
Der Zwerg sank zusammen und rief noch etwas in die Menge. Dann starb er. Mit einem Seitenblick zu Ineluki erfuhr ich, daß die letzen Worte des Zwergen "Erlösung!" (auf zwergisch) waren.

Tyr steckte sich die Waffe seines Gegners ein, ließ sich kurz feiern und ging dann zu uns.
Ich holte mir meinen Wettgewinn.

Die Menge zerstreute sich schnell. Unsere beiden Muskelmänner kamen wieder zu uns und begleiteten uns wortlos bis zur Fähre.
Dann verabschiedeten wir uns.

Bei der Überfahrt über den Fluß bemerkte ich, wie prall der Mond gefüllt war. Es erschien mir seltsam. Auch war inzwischen Nebel aufgezogen. Es herrschte eine geradezu unheimliche Stimmung.
Auf dem Weg zur Herberge verstärkte sich dieses ungute Gefühl. Aber schließlich kamen wir unbeschadet an.
Sora und Ineluki gingen gleich in ihr Zimmer. Ich versorgte noch Tyrs Wunden, bevor auch wir uns schlafen legten.
Tyr konnte wirklich noch einmal von Glück reden, er hatte keine ernsthaften Verletzungen abbekommen.